Als Rainer Werner Fassbinder die 23-Jährige 1966 entdeckte und ihr eine Rolle in seinem ersten Kurzfilm „Der Stadtstreicher“ anbot, zögerte Irm Hermann anfangs. „Ich kann nicht, ich muss arbeiten“, lautete ihre erste Reaktion. Mit „Arbeiten“ meinte die gebürtige Münchnerin ihre Stelle als Sekretärin beim ADAC. Fassbinder ließ sich damals darauf ein und drehte eben nach Büroschluss. Und Irmgard Hermann hatte für immer „ein Feuer gefangen“, wie sie es selbst beschrieb. Nun ist die Schauspielerin im Alter von 77 Jahren nach kurzer schwerer Krankheit gestorben.
Schon vor der Begegnung mit Fassbinder ging sie jedes Wochenende mit dem Vater ins Kino und träumte sich später, an langweiligen Arbeitstagen, in Geschichten hinein, die sie von der Leinwand kannte. Nach dem „Stadtstreicher“ war fürs Büro bald keine Zeit mehr, und es begann eine intensive Zusammenarbeit: Hermann zählte schnell zum engsten Kreis um den Regisseur und war in mehr als 20 seiner Filme zu sehen, etwa in „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“, „Händler der vier Jahreszeiten“, „Fontane Effi Briest“ und „Mutter Küsters’ Fahrt zum Himmel“. Später folgten „Berlin Alexanderplatz“ sowie „Lili Marleen“. Für Werner Herzogs „Woyzeck“ spielte sie 1979 neben Klaus Kinski. In Hans Werner Geißendörfers Thomas-Mann-Adaption des „Zauberberg“ übernahm sie die Rolle des Fräulein Engelhart, in Loriots „Pappa ante Portas“ war sie die auf ewig unvergleichliche Hedwig. Hermann arbeitete mit der Crème de la Crème der Branche, von Rudolf Thome über Max Färberböck bis Josef Bierbichler. Jüngere Zuschauer dürften sie spätestens seit ihrem Auftritt als Ploppis Oma in „Fack ju Göhte 3“ kennen.
Parallel führte sie in Berlin ein glückliches und von der Klatschpresse angenehm unbeachtetes Familienleben mit ihrem Mann, Kinderbuchautor Dietmar Roberg, und den zwei Söhnen. Dem Theater blieb Hermann trotz Dreharbeiten und Hörspiel-Aufnahmen seit Fassbinders antiteater treu und zeigte sich auch dort experimentierfreudig, uneitel und risikobereit. In den frühen Neunzigern gehörte sie zum Berliner Ensemble. Später war sie in Zürich, an der Berliner Volksbühne und am Hamburger Schauspielhaus engagiert, galt als Muse von Christoph Schlingensief und Christoph Marthaler. Gerissen habe sie sich nie um etwas, gestand sie einmal. „Ich wurde immer gefunden.“ Was für ein Glück fürs Publikum.