Greg Colson hat die Milchstraße mit Bällen nachgebaut, „The Solar System“ heißt sein Werk aus dem Jahr 2000. Der Fußball ist am größten und das Zentrum, alles andere muss um ihn kreisen. In diesem Fall: ein Volleyball, Handball, Golfball, einer für Tischtennis, ein weißer und weicher für Baseball. Fußball, unsere Sonne – ein aktueller Beitrag zum gesellschaftlichen Diskurs in Zeiten der Corona-Krise. Fußball genießt Sonderrechte, er darf mehr. Als andere Sportarten sowieso. Aber auch mehr als die meisten – und wichtigeren – Bereiche des Lebens.
Der Fußball rollt wieder, unter besonderen Umständen, die ein Hygienekonzept regelt. Doch die Museen haben sich anschließen und wiedereröffnen dürfen, auch sie unterliegen Beschränkungen. In Penzberg kommen der Fußball und die Kunst gerade zusammen. Im dortigen Museum läuft bis zum 4. Oktober die Ausstellung „Rasenglück“.
Natürlich war viel mehr geplant gewesen, als das Museum Penzberg nun bieten kann. Kuratorin Diana Oesterle hatte die Zusagen des Europa-Politikers Daniel Cohn-Bendit, der gerade ein Fußballbuch geschrieben hat, die Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus wäre zu einer Diskussionsrunde gekommen, bei der Eröffnung der Ausstellung wäre auch Rudi Kargus gerne dabei gewesen, der mal Nationaltorwart war und mittlerweile ein expressionistischer Kunstmaler ist. Diese Punkte mussten halt alle gestrichen werden. Auch ein Anlass entfiel: Die Fußball-Europameisterschaft 2020 mit einigen Spielen in München, sie wäre vom „Rasenglück“ trefflich flankiert worden.
Doch die viel klarere Verknüpfung ist die regionale: Karl Wald, ein gebürtiger Frankfurter, der in Penzberg als Friseur und Lokomotivführer im Bergwerk arbeitete, erfand das Elfmeterschießen als Methode, ein Fußballspiel, das nicht unentschieden enden darf, zu entscheiden (etwa in Pokalwettbewerben). Am Samstag sind es nun 50 Jahre, dass der Schiedsrichter Wald seine Idee, die anschließend „wie eine Lawine um die ganze Welt ging“ (Diana Oesterle), beim Bayerischen Fußball-Verband durchsetzte.
So kann man im Penzberger Museum auf Kunstrasen die Lebensstationen von Karl Wald (verstorben 2011, es gibt ihn als Pappfigur für die Generation Selfie) ablaufen und eintauchen in die bisweilen existenzielle Dramatik des Elfmeterschießens.
Fußball hat ja unbestritten seine theatralische und künstlerische Seite. Er inspiriert vor allem Leute, die mit der Kamera arbeiten – wie Andreas Gursky, der einige seiner 80er-Jahre-Arbeiten zur Verfügung gestellt hat. „Schnappschüsse“, wie er sie nannte, aus Schräg-von-oben-Perspektive – beim Provinzfußball ebenso wie in der Amsterdam-Arena, einem der ersten Multifunktionstempel, in die der Fußball umgezogen ist.
Eine sehr eigene Bildsprache hat auch Regina Schmeken entwickelt. Sie reiste 2011/12 im Tross der Sportfotografen mit, die bei Länderspielen und Turnieren, schwer mit Objektiven behangen, hinter den Toren kauern und darauf warten, dass der Ball auf ihrer Seite im Netz einschlägt. Regina Schmeken löst sich aus dieser Alltagsjagd, sie fand andere Szenen. In ihren schwarz-weiß nachbearbeiteten und groß aufgezogenen Bildern entdeckt man faszinierende Details wie die einheitliche Blickrichtung von Fußballern bei einem Eckball. Als wäre die Szene choreografiert Schmeken ist einst vom Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff entdeckt worden, der Deutsche Fußball-Bund hat ihr unkompliziert Zugänge verschafft. Auch das Museum in Penzberg durfte die Erfahrung machen, dass im Fußball ein Ja schnell und ohne einschränkendes Aber erfolgt. Die FC-Bayern-Erlebniswelt (mit einem Trikot des berühmtesten Penzberger Kickers, Wiggerl Kögl) und das Deutsche Fußball-Museum in Dortmund erwiesen sich, so Diana Oesterle, als „sportlich“. Sie will mit „Rasenglück“ ein „fußballinteressiertes Kunstpublikum“ ansprechen, doch ebenso gibt es ein kunstinteressiertes Fußballpublikum. Jedem seine Sonne.
Bis 4. Oktober,
Di.-So. 10-17 Uhr,
Am Museum 1, 82377 Penzberg;
Telefon: 08856/81 34 80.