Er hat das deutsche Kino verändert wie nur wenige andere Künstler: Rainer Werner Fassbinder (1945-1982). An diesem Sonntag wäre der Regisseur von Filmen wie „Angst essen Seele auf“, „Fontane Effi Briest“ und „Lili Marleen“ 75 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass haben wir Wegbegleiter und andere Menschen, die sich mit Fassbinders vielseitigem Werk beschäftigt haben, gebeten, ihre Erinnerungen für uns aufzuschreiben.
Edgar Reitz, Autor und Regisseur
„Ich bin in den Sechzigerjahren durch meine damalige Freundin auf Fassbinder aufmerksam geworden. Denn sie war die beste Freundin von Hanna Schygulla (eine von Fassbinders wichtigsten Schauspielerinnen; Anm. d. Red.). Er kam damals zu mir, um Hilfe bei der Arbeit an ,Liebe ist kälter als der Tod‘ zu bekommen. Das war sein erster Film nach der antiteater-Zeit. Mit all den Leuten vom antiteater, die alle keine Erfahrung hatten mit Film. Er hat sich von mir ausgiebig beraten lassen. Ich hab’ ihm dann auch ausgeholfen mit Geräten – und dem Kameramann Dietrich Lohmann. Als ich ihm den vermittelte, war natürlich auch der Gedanke: Wenn ich meine Ausrüstung zur Verfügung stelle, fühle ich mich sicherer, wenn ein erfahrener Kameramann dabei ist. Sie haben dann auch schön brav alles zurückgebracht, als sie abgedreht hatten. Ich habe seine Arbeit immer verfolgt. Das war etwas, was den sogenannten Neuen Deutschen Film ausgezeichnet hat, dass man die Arbeit der Kollegen sehr sorgfältig beobachtet und miterlebt hat. Ich habe jeden Fassbinder-Film gesehen. Den ,Händler der vier Jahreszeiten‘ mochte ich besonders – weil da so eine Realitätsnähe durchscheint, was häufig nicht der Fall ist in seinen Werken. Er liebte ja das Melodramatische, etwas in sonderbare Welten Abgehobene. Das war meist dann nicht so meine Welt. Fassbinder hat sehr stark auf gesellschaftliche Missverhältnisse reagiert. Gleichzeitig ist in seinen Filmen ein unglaubliches Liebesdefizit zu spüren. Immerzu die Frage: Womit habe ich das verdient, nicht geliebt zu werden? Das ist ein interessantes Paradox: Je intensiver wir uns mit unserer eigenen Lage auseinandersetzen, umso politischer werden wir. Wenn man die Welt verstehen will, muss man damit anfangen, sich selbst zu verstehen. Das ist bei Fassbinder immer zu merken.“
Hanna Schygulla, Schauspielerin
„Ohne den Filmemacher Rainer Werner Fassbinder hätte es die Schauspielerin Hanna Schygulla nicht gegeben. Als mir, der über-intellektualisierten Studentin der Philologie, beim Jobben als Aushilfskellnerin eine Kollegin leuchtenden Auges vom einer Schauspielschule erzählte, war ich tags darauf selber schon mit dabei und habe ihn dort zum ersten Mal gesehen. Ihn, den man schon damals nicht übersehen konnte. Allerdings bin ich nach ein paar Wochen wieder von der Schule abgegangen in der Meinung, das sei nun doch nichts für mich. Er war da allerdings anderer Meinung: Es habe ihn doch gleich zu Anfang so etwas wie ein Erkenntnisblitz getroffen, dass dieses Mädchen in seiner Klasse später einmal so etwas ,wie ein Star meiner Filme‘ sein könnte. Denn Filmemachen war schon damals sein Ziel. Als es so weit war, hat er mich gesucht und auch gefunden.
Viele gab es, deren Lebenslauf er schlagartig in eine andere Richtung brachte. Das galt auch für den Verlauf der damaligen Theater- und Filmkultur. Seine Impulse waren nicht immer willkommen, aber sie taten ihre Wirkung. Auch hatte er es anfangs schwer, sein Publikum zu finden, denn seine Filme waren eher verstörend als gefällig. Aber je mehr Filme er jährlich ,aus dem Ärmel schüttelte‘ desto mehr Leute kamen nicht umhin, sich in dem ,Glanz und Elend‘ der aus der Vorgeschichte des ,Dritten Reichs‘ resultierenden Lebens- und Liebesgeschichten und Gesellschaftsporträts wieder zu erkennen. Als er starb, war in fett gedruckter Schlagzeile zu lesen: ,Das Herz des Neuen Deutschen Films hat aufgehört zu schlagen‘. Immer gab er zu verstehen, er werde nicht alt. Noch immer höre ich ihn sagen: ,Wie jeder Mensch fürchte ich den Tod, aber noch mehr fürchte ich, dass das, was ich geschaffen habe, nichts mehr bedeuten könnte.‘
Heute wärest Du in etwa nun doppelt so alt geworden – und immer noch wird Deiner gedacht. Könntest Du irgendwie mit dabei sein, käme dann wohl wieder dieses so unerhört schüchterne wie auch unverschämt triumphierende Lachen von damals in Dir hoch.“
Klaus Lemke, Filmemacher
„Ende der Sechzigerjahre waren Monica Vitti, Brigitte Bardot, Jeanne Moreau gemeint, wenn man von Stars redete. Fassbinder zeigte mir ein Foto aus ,Paris Match‘, auf dem die Bardot dieselbe versaute Frisur à la mode hatte wie Hanna Schygulla. Damals hatten wir alle Filzläuse und nonstop Drogen. Im nächsten Jahr blieb die Bardot auf dem Flug nach Hamburg eine Nacht in München. Ich durfte mit ihr angeben, weil sie Produzent Peter Berling und mir 70 000 beim Poker in Almeria abgenommen hatte. Wir gingen in die Kellerdisco, wo alle jede Nacht voll zu waren. Aber Fassbinder erkannte die Bardot nicht. Dann sind wir wieder gegangen. Aloha!“
Dietmar Holzapfel, Inhaber Deutsche Eiche
„Als mein Mann Sepp Sattler und ich 1993 die Deutsche Eiche kauften, war uns von Anfang an klar: Wir übernehmen ein Haus mit Geschichte, die es zu pflegen gilt. Ab 1974 war die Eiche zum ,zweiten Wohnzimmer‘ des berühmten Filmemachers geworden. Da drehte er gerade ,Faustrecht der Freiheit‘ mit Karlheinz Böhm als fiesem Freier, er selbst spielte einen ausgenutzten Stricher. Wie so oft versuchte Fassbinder hier, sein Leben zu verarbeiten.
Schon beim ersten Besuch in der Deutschen Eiche verliebte er sich in den Schankkellner Armin. Kurz darauf bezogen die zwei Männer gegenüber eine Wohnung, in der heute unser Büro ist. Wohl nicht ohne Grund erhielt sie bald den Namen ,Bumsburg‘. An Fassbinders 33. Geburtstag nahm sich der Armin dort das Leben, während Fassbinder bei den Festspielen in Cannes war – ohne ihn! Erst zwei Tage später fand man die Leiche. Man gab Fassbinder eine Mitschuld, erteilte ihm Hausverbot, das freilich nicht lange galt. Schließlich war man stolz darauf, sagen zu können: ,Bei uns verkehrt die Fassbinder-Clique!‘ Zudem war es für die damalige Wirtin Sonja Reichenbach auch eine willkommene Abwechslung, kleine Rollen in seinen Filmen spielen zu dürfen.
Schon damals waren die Faschingsfeiern in der Eiche legendär, wegen der tollen Inszenierungen. 1982, kurz vor seinem Tod, gestaltete Fassbinder hier ,Dallas‘ in Anlehnung an die berühmte TV-Serie. In zwei Fassbinder-Filmen kommt die Eiche sogar als Drehort vor: ,Satansbraten‘ (1976) und ,Lola‘ (1981). Sein Beitrag zu ,Deutschland im Herbst‘ (1978) ist in der Wohnung gegenüber gedreht worden.
Leider habe ich Fassbinder nicht persönlich kennengelernt, habe mich aber intensiv mit ihm beschäftigt, fast alle Filme gesehen, einen Sampler mit bedeutenden Szenen geschnitten, Ausstellungen mit Filmplakaten gemacht. Er ist auch Teil unserer Hausführungen. Zu seinem 70. Geburtstag habe ich ihn in einer Szene in Zusammenarbeit mit den Kammerspielen sogar selbst gespielt, in einer Tram!
Leider kennen ihn die jungen Leute kaum mehr. Das liegt auch daran, dass Fassbinders Erbe in Berlin von einer ehemaligen Cutterin verwaltet wird, die meines Erachtens viel zu wenig dafür tut, dass er auch heute in den Köpfen der Menschen lebendig bleibt. Als 2007 Fassbinders grandiose Serie ,Berlin Alexanderplatz‘ digitalisiert worden war, schlug ich der Fassbinder Foundation vor, dieses 15-stündige Meisterwerk in unserem damaligen Oberangertheater zu zeigen – leider vergeblich! So verblasst Fassbinders Filmleistung leider immer mehr.
Er war Genie und Chaot zugleich. Nicht alle seine Filme finde ich gut, manche aber machen ihn für mich und viele andere unsterblich. Fassbinder hat schon früh mutig außergewöhnliche Themen aufgegriffen und die Gesellschaft kritisch unter die Lupe genommen. Ich denke da zum Beispiel an ,Martha‘ (1974), wo es um die sadistische Unterdrückung der Ehefrau geht, oder an die Serie ,Acht Stunden sind kein Tag‘ (1972), in der viele Probleme wie Wohnungsnot, fehlende Kindergartenplätze, Ausbeutung gezeigt wurden. Solche Highlights der Filmgeschichte sollten endlich mal wieder auf die Leinwand kommen!“
Lothar Schirmer, Verleger
„Das Lebenswerk von Rainer Werner Fassbinder umfasst 44 Filme. Als er am 10. Juni 1982 in München starb, war er gerade 37 Jahre alt. In atemberaubender Geschwindigkeit hatte er ab 1966 in nur 17 Jahren sein gewaltiges schöpferisches Werk wie ein ästhetisches Gebirge vor der staunenden Welt aufgetürmt. Beeinflusst von der poetischen Raffinesse des Dichters und Dramatikers Bert Brecht, der filmischen Eleganz eines Jean-Luc Godard und inspiriert von der lakonischen Aneignung des Profanen durch Andy Warhol, entwickelte Fassbinder in seinen Filmen – in den frühen schwarz-weißen wie auch in den späteren farbigen – eine eindringliche, kraftvolle Bildsprache von ganz eigener Poesie. Und da er in seinen Filmen meist von den traurigen Spielarten der Liebe erzählte, wurde alsbald eine Weltsprache daraus. In der genauen und liebevollen Beschreibung der westdeutschen gesellschaftlichen Verhältnisse, vor allem auch der Münchner, sind seine Filme zu einem Monument der Geschichte geworden. Kunstwerke von großer ästhetischer Klarheit und Strahlkraft sind sie außerdem.“