Abschied vom „Silberkopf“

von Redaktion

Das Nationalmuseum zeigt den heiligen Zeno

VON ALEXANDER ALTMANN

Jetzt müssen sich die Münchner also von St. Zeno trennen. Genauer gesagt, von der prächtigen, einst als Reliquienschrein dienenden Silberbüste des Heiligen, die sich seit 1949 im Bayerischen Nationalmuseum befindet. Eigentlich gehört sie nämlich dem Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg und war nur als „Dauerleihgabe“ nach München ausgeborgt. Dass diese „Dauer“ nun endet, ist zweifellos bedauerlich. Aber weil Bayern derzeit nun mal von einem fränkischen Ministerpräsidenten regiert wird, hat die Staatsregierung im Dezember 2019 Maßnahmen „zur Förderung der Kultur in Franken“ bekannt gegeben, und in deren Rahmen erfolgt nun auch die Rückführung der Zeno-Büste.

Wobei man natürlich ganz generell fragen kann, ob die reiche, altehrwürdige Kulturlandschaft Franken eine solche „Entwicklungshilfe“ aus dem Süden überhaupt nötig hat oder dadurch ungerechtfertigterweise zur Almosen empfangenden „dritten Welt“ Bayerns degradiert wird. Aber sei’s drum, auf einen Heiligen mehr oder weniger soll es uns in Oberbayern nicht ankommen, obwohl man natürlich darauf verweisen könnte, dass die fragliche Büste eigentlich im Süden beheimatet ist. Befand sie sich doch ursprünglich in Isen bei Erding, einem alten Zentrum der Zeno-Verehrung.

Zum Trost dürfen wir uns immerhin in aller Ausführlichkeit vom silbernen Heiligen verabschieden: Bis zum 14. Februar 2021 präsentiert das Nationalmuseum das Reliquiar in einer angenehm konzentrierten Studioausstellung mit dem Titel „Silberkopf“, wo in Fotos und Filmen auch Restaurierungsarbeiten und kunsttechnologische Untersuchungen dokumentiert sind, die man in jüngerer Zeit an dem Prunkstück vorgenommen hat.

Angefertigt wurde das herausragende Werk süddeutscher Goldschmiedekunst um 1451 in Salzburg, wobei eine Besonderheit darin besteht, dass der Kopf des Heiligen als Silberguss entstand. Ein ungewöhnliches Verfahren, bei dem zunächst ein Modell geschaffen werden muss, von dem dann die Gussform abgenommen wird. Bei der Suche nach dem Urheber des Kopfmodells, der wohl nicht aus der Zunft der Gold- und Silberschmiede stammte, sondern ein Bildhauer war, meinen die Kunsthistoriker inzwischen fündig geworden zu sein. Keinen Geringeren als den sogenannten Meister von Seeon, dessen wirklicher Name nicht bekannt ist, wollen die Experten „mit Sicherheit als den Schöpfer des Modells“ identifiziert haben. Und tatsächlich: Wenn man den Zeno-Kopf im Profil vergleicht mit dem Kopf des Jesuskindes der sogenannten Seeoner Madonna, dem berühmtesten Werk des Seeoner Meisters, das auch dem Nationalmuseum gehört und in der Schau direkt neben dem Silberkopf präsentiert wird, dann stellt man deutliche Ähnlichkeiten fest. Insbesondere beim gelockten Haar, das noch ganz ornamental stilisiert ist, wirkt die Übereinstimmung verblüffend.

Aber wie auch immer – beeindruckend ist auf jeden Fall die künstlerische Qualität der Büste, insbesondere eben der Gesichtspartie: Außerhalb Italiens gab es um die Mitte des 15. Jahrhunderts nur sehr wenige Bildhauer, die in der Lage gewesen wären, ein derart lebensnah wirkendes Antlitz zu gestalten. Da ist tendenziell alles schon „plastisch gedacht“ und nicht mehr gotisch-linear; da meint man im Ausdruck des Gesichts bereits das Individuum aufdämmern zu sehen und nicht mehr nur einen Typus gezeigt zu bekommen.

Bis 14. Februar 2021,

Di.-So. 10-17 Uhr, Do. bis 20 Uhr.

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