Niemand weiß mehr so ganz genau, wie es kam, dass 1984 der leibhaftige, echte Clint Eastwood in München einritt. So groß und breitschultrig, wie man sich den Mann vorstellte, stand er im Münchner Filmmuseum, das eine Retrospektive seiner Regiearbeiten zeigte, und schenkte dem verdutzten Direktor Enno Patalas eine Handvoll nagelneuer Kopien seiner Werke.
Es war ein bemerkenswerter Zeitpunkt für eine Huldigung von Eastwood, denn seine Karriere schien vorbei. Er war damals ein Mittfünfziger, als Actionheld also absehbar nicht mehr lange verwendungsfähig. Und seine Regiearbeiten ließen nicht darauf schließen, dass da noch eine echte zweite Karriere wartet. Sicher, er hatte erkennbar Ahnung vom Inszenieren, aber die Kritik mochte ihn nicht. Man verwechselte die Person mit den Macho-Helden, die er zeigte, und interpretierte seinen unterkühlten, minimalistischen Schauspielstil mit mangelndem Talent.
Wenn Eastwood an diesem Sonntag seinen 90. Geburtstag begeht, werden sich die Zweifler von einst vor Ehrfurcht im Staub wälzen und ihn als einen der ganz Großen der Filmgeschichte preisen. Und das ist durchaus berechtigt.
Es war eine reichlich erstaunliche Entwicklung seit 1984, als Eastwood als Mann von gestern galt, der ein paar kultige Spaghetti-Western gedreht hatte und als stockkonservativer Hollywood-Desperado galt. 1988 verblüffte er das erste Mal alle nachhaltig, als er in „Bird“ einfühlsam und schmerzhaft intensiv den langsamen Niedergang des genialen Jazzers Charlie Parker nachzeichnete. Dass der vermeintlich rechte Haudrauf Eastwood so sensibel in die Welt eines afroamerikanischen Außenseiters einzutauchen vermochte, hatten ihm nur wenige zugetraut.
Im Jahr 1992 folgte der endgültige Durchbruch als Filmemacher: „Erbarmungslos“ dekonstruierte virtuos Western-Mythen und erweckte ironischerweise dadurch ein tot geglaubtes Genre zu neuem Leben. Eastwood war mit einem Schlag als „Elder Statesman“ der Traumfabrik anerkannt und nutzte seine Chance mit immensem Fleiß – beinahe jedes Jahr legte er einen neuen Film vor und wurde immer besser.
In „Die Brücken am Fluss“ legte er sogar eine regelrechte Romanze hin, mit „Mystic River“ (2003) und „Million Dollar Baby“ (2004) gelang ihm ein phänomenaler Doppelschlag mit zwei makellosen Meisterwerken. Eastwood fuhr damit die Ernte ein für seine Geduld, seinen Fleiß und seine Lernfähigkeit.
In der großen Depression aufgewachsen, lernte Eastwood früh, dass man hart arbeiten muss, auch wenn er später gerne damit kokettierte, viel Glück gehabt zu haben. Das war eine Pose: Gut aussehende Schauspieler gab es wie Sand am Meer, Eastwood biss sich mit Fernsehen und Billigfilmen durch und ergriff 1964 die Chance, in Spanien einen obskuren Western mit einem Italiener zu drehen: „Für eine Handvoll Dollar“. Ein Welterfolg, aus dem Eastwood zielstrebig Profit schlug und mit knochentrockenen Actionfilmen bald zu einem begehrten Star wurde. Schon früh fing er damit an, eigene Filme zu drehen und trieb seine Schauspieler dabei zu Höchstleistungen. Bis heute mag er ein vorbereitetes, konzentriertes Ensemble und wenige Einstellungen – für intelligente Darsteller ein Glücksfall. Viele boten ihre besten Vorstellungen unter Eastwoods Regie.
Bereits 2008 liefert er mit „Gran Torino“ im Grunde den perfekten Abschiedsfilm über einen alten Sturschädel, der spät seinen Frieden macht mit dem Dasein und schließlich in Würde geht. Aber der Workaholic dreht danach manisch weiter, zunehmend Auftragsarbeiten, die sonst keiner haben mag. Es spricht natürlich keiner aus, aber die Studios schrecken ein wenig davor zurück, einem beinahe 90-Jährigen Millionenprojekte anzuvertrauen. Eastwood weiß das und macht knurrig weiter. „Der Fall Richard Jewell“ lief gerade erst in den Kinos. Der Typ denkt also gar nicht daran aufzuhören. Zum Glück. Denn Eastwood ist sogar in seinen schwachen Momenten um Klassen besser als vieles, was man uns sonst an Bewegtbildern zumutet. Hoffentlich noch sehr lange.