Gut, es ist ein Ersatzprogramm. Aber deshalb noch lange keine Notlösung, sondern eher eine faustdicke Überraschung: zwei Opern-Premieren, davon eine mit einer der größten Orchesterbesetzungen überhaupt, drei Schauspiel-Produktionen, dazu eine beeindruckende Anzahl an Konzerten – die Salzburger Festspiele trotzen zu ihrem 100. Geburtstag der Corona-Krise auf ganz besondere Weise.
„Ich habe keine Minute daran gezweifelt, dass wir in diesem Sommer spielen würden“, lässt Präsidentin Helga Rabl-Stadler mitteilen. „Nikolaus Harnoncourt war fest davon überzeugt: ‚Wenn wir, die Künstler, gut sind, dann gehen die Menschen anders aus der Vorstellung heraus, als sie hineingekommen sind.‘ Genau dieses Erlebnis wollen wir unseren Besuchern auch dieses Jahr schenken.“
Gestartet wird am 1. August mit der Wiederaufnahme von Hofmannsthals „Jedermann“, dem Gründungsstück der Festspiele. Wie geplant ist Caroline Peters die neue Buhlschaft, die Titelrolle wird wieder von Tobias Moretti verkörpert. 14 Mal wird diese Produktion auf dem Domplatz gespielt. Am Eröffnungstag kommt es auch zur Mega-Oper, die schon vor Corona für diesen Sommer geplant war: Die Wiener Philharmoniker dürfen in einer über 100-köpfigen Besetzung bei der „Elektra“ von Richard Strauss die Felsenreitschule erbeben lassen. Regie führt Krzysztof Warlikowski, am Pult steht Franz Welser-Möst. Aušrine Stundyte singt die Titelpartie, für die Chrysothemis kommt Asmik Grigorian, Salzburgs gefeierte Salome, zurück.
Mit der zweiten Opernpremiere huldigt man am 2. August dem Stadtheiligen. Mozarts „Così fan tutte“ war eigentlich gar nicht geplant. Das Stück passt, weil man nur sechs Sänger und ein kleines Orchester braucht. Joana Mallwitz, in diesem Sommer für die nun abgesagte „Zauberflöte“ vorgesehen, debütiert am Pult der Wiener Philharmoniker. Regie führt Christof Loy, der das Stück schon einmal auf die Bühne gebracht hat.
Im Schauspiel-Programm bleiben die Salzburger bei der Uraufführung von Peter Handkes „Zdeněk Adamec“. Friederike Heller inszeniert fürs Landestheater (Premiere am 2. August). Zweite Schauspiel-Premiere ist das Ein-Personen-Stück „Everywoman“ (ab 19. August), das Autor Milo Rau für den Raum der „Szene Salzburg“ selbst einrichtet.
Dies und noch viel mehr ist nur möglich mit einem Sicherheitskonzept. Dabei gelten eine Ein-Meter-Abstandsregel sowie eine Maskenpflicht außer am Sitzplatz. Alle Programmpunkte finden ohne Pause statt (und auch ohne Bewirtung). Die Eintrittskarten sind personalisiert, sodass Infektionsfälle nachvollzogen werden können. Dass in den nun acht statt 16 Spielstätten viel weniger Plätze zur Verfügung stehen, versteht sich von selbst.
Gastorchester sind naturgemäß viel weniger vertreten als sonst. Den Löwenanteil tragen die Wiener Philharmoniker. Die holen sich unter anderem Riccardo Muti (mit Beethovens neunter Symphonie zum 250. Komponisten-Geburtstag) und Christian Thielemann (mit Bruckner) ins Boot. Traditionell reisen die Berliner Philharmoniker mit Chefdirigent Kirill Petrenko für zwei Abende an. Mezzo-Star Cecilia Bartoli, eigentlich für eine szenische Produktion von Donizettis „Don Pasquale“ engagiert, gibt nun Arien-Abende. Anna Netrebko und ihr unvermeidlicher Tenor-Partner Yusif Eyvazov singen konzertant Aussschnitte aus Tschaikowsky-Opern statt Puccinis „Tosca“. Und aus dem Kammermusik-Teil ragt der Beethoven-Zyklus mit Igor Levit heraus.
Die meisten der zunächst geplanten Neuproduktionen werden auf 2021 vertagt. Wie dieses aktuelle Programm zwischen dem 1. und 30. August aufgenommen wird, ob der Vorverkauf so läuft wie sonst, das wird sich noch herausstellen. Wegbleiben dürften viele Kulturfreunde aus den USA und aus Asien. Zudem ist da noch die Angst – gerade Spielstätten wie das Landestheater mit seinen engen Gängen könnten zum Problemfall werden. Die Festspiele versichern, dass man ein ausgeklügeltes Ein- und Ausgangskonzept entwickelt habe. Man setze hierzu auf eine „aktive Publikumsleitung“.
„In einer Zeit, in der eine gewisse Orientierungslosigkeit herrschte, haben die Festspiele Entscheidungen getroffen, die sich im Nachhinein als hoffentlich richtig herausgestellt haben“, formuliert es Intendant Markus Hinterhäuser. „Dass wir mit der Entscheidung, ob es Festspiele geben kann, gewartet haben, war eine Mischung aus Hoffnung, Traum und vielleicht auch Intuition, dass sich die Fallzahlen doch in eine Richtung entwickeln könnten, die ein Zusammenfinden von Menschen möglich machen. Denn um nichts anderes geht es bei Festspielen.“
Informationen
zum Vorverkauf und zum
genauen Programm unter
salzburgerfestspiele.at.