Stellen wir uns für einen Moment vor, Simone de Beauvoir wäre als Simon de Beauvoir auf die Welt gekommen. Und Jean-Paul Sartre als Janine-Paula Sartre. Wer wäre dann der Star? Wem würde man das Genie – und wem nur die Rolle des zweitklassigen Anhangs zuschreiben?
Die Frage ist so hypothetisch, wie sie zu keiner Antwort führt. Denn wäre Beauvoir als Bub auf die Welt gekommen, hätte sie ein völlig anderes philosophisches Werk hinterlassen. Und auch Sartres Philosophie wäre vermutlich, wäre er als Mädchen geboren worden, nicht dieselbe.
Beauvoirs wohl bekanntester Satz „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es“ und ihre spätere Ergänzung „Man kommt nicht als Mann zur Welt, man wird es“ halten fest, was der Französin selbst widerfahren ist: Sie war eine der wichtigsten Intellektuellen des 20. Jahrhunderts – und wurde doch immer wieder wegen ihrer „weiblichen“ Denkweise diskreditiert. Teilweise in einem Maße, wie man es kaum fassen mag.
Viele Bücher wurden über die Philosophin Simone de Beauvoir (1908-1986) bereits geschrieben. In den meisten steht ihre Beziehung zu Sartre (1905-1980) im Mittelpunkt. Der Mann, mit dem sie im Alter von 21 Jahren einen Pakt schloss: Sie glaubten nicht an konventionelle Treue und entschieden stattdessen, ein Leben lang füreinander die „notwendige Liebe“ zu sein, dem jeweils anderen aber „kontingente Lieben“ zuzugestehen. Kurzum: eine offene Beziehung zu führen. Einander alles zu sagen und keinen Anspruch auf Exklusivität zu stellen.
Das allein war natürlich schon eine Provokation. Gerade in der von Prüderie geprägten Nachkriegszeit, in der Ehe und Mutterschaft das Ideal einer jeden anständigen Frau zu sein hatten. Doch die selbstbewusste Simone gab nichts auf solche Rollenbilder. Unterstützt vom großbürgerlichen Elternhaus (das an Vermögen verlor, weshalb Simone lernen musste, wie sich Armut anfühlt), studierte sie Philosophie und wurde mit 21 die jüngste Person, die je die außerordentlich anspruchsvolle Zulassungsprüfung für das höhere Lehramt bestand. „Mit Sartre bildete sie ein streitbares intellektuelles Powerpaar. Und leider bestand die öffentliche Wahrnehmung fast das gesamte 20. Jahrhundert über darin, dass er die intellektuelle Power lieferte und sie das Paar“, schreibt Kate Kirkpatrick in einer nun erschienenen Biografie. In „Simone de Beauvoir. Ein modernes Leben“ möchte die Autorin, die am King’s College in London Philosophie unterrichtet, das verzerrte Bild korrigieren, das jeder, der sich nur oberflächlich mit Beauvoirs Werk befasst hat, von ihr bekommt.
Mehr noch: „Viel Tinte wurde über die Bedeutung dessen verbraucht, was es heißt, eine Frau zu ,werden‘. Dieses Buch widmet sich der Frage, wie Beauvoir sie selbst wurde.“ Dabei greift Kirkpatrick auf neues Material zurück. Tagebücher aus der Studienzeit der Philosophin etwa, die die Entwicklung ihrer Theorien vor ihrer Begegnung mit Sartre aufzeigen; und die belegen, dass sie mit 19 bereits mit Gedanken experimentierte, die später als existenzialistisch berühmt werden würden. So kommt heraus, welch großen Einfluss Beauvoir auf das Werk Sartres hatte. Ein Jahr lang veröffentlichte sie unter seinem Namen, weil er zu beschäftigt war – und niemand bemerkte es.
Kirkpatrick strebt eine Neubewertung von Leben und Bedeutung der Französin an – und liefert sie überzeugend. Weil sie sich zwar als Beauvoirs Verteidigerin zu erkennen gibt, diese aber nie kritiklos verherrlicht. „Ihre Direktheit konnte niederschmetternd sein. Ihr Ruf, keine Geduld mit Idioten zu haben, begleitete sie das ganze Leben über“, heißt es an einer Stelle. An vielen anderen macht Kirkpatrick deutlich, wie wenig empathisch Beauvoir und Sartre mit vielen ihrer „kontingenten Lieben“ umgingen. Und wie sie beide letztlich nie ihre Machtpositionen kritisch hinterfragten. „Bis Anfang der Vierzigerjahre hatte Beauvoir drei intime Beziehungen mit viel jüngeren Frauen, die ihre ehemaligen Schülerinnen waren, und jeder dieser Frauen stellte Sartre nach, manchmal zur gleichen Zeit und manchmal erfolgreich.“
Das bot reichlich Angriffsfläche – auch aus feministischen Kreisen. Und auch sonst provozierte Beauvoir. Etwa mit Aussagen wie: „Ich bin für die Abschaffung der Familie.“ Das war neue Munition für alle, die wieder ihre Salven, sie sei antimütterlich oder unfeministisch, abfeuern wollten. Dabei ging es ihr um etwas anderes: darum, dass Mutterschaft und Ehe voneinander getrennt werden müssten – keine Frau solle in einer Ehe feststecken.
In den Siebzigern sagte Sartre in einem Interview: „Wissen Sie, dass ich niemals irgendeinen meiner Texte veröffentlichen lassen oder irgendjemandem zeigen würde, bevor Castor (sein Kosename für Beauvoir) eingewilligt hat?“ Trotzdem tauchte sie in den Nachrufen, die nach seinem Tod 1980 erschienen, meist nur als Randfigur auf. Und als sie selbst sechs Jahre später starb, entblödeten sich Journalisten nicht, zu schreiben, dass Beauvoir sogar im Tode noch Sartre gefolgt sei, indem sie pflichtgetreu den Platz einnahm, der ihr gebührte: den zweiten. Dass Kirkpatrick sie nun wieder zu ihm aufs Podest hebt, ist eine feministische Leistung für sich. Ein Buch, das belegt, dass die Debatte um Gleichberechtigung noch lange nicht beendet ist.
Kate Kirkpatrick:
„Simone de Beauvoir. Ein modernes Leben“. Piper, 528 Seiten; 25 Euro.