Die Art Basel fällt dieses Jahr aus. Die weltweit wichtigste Messe für zeitgenössische und moderne Kunst wurde auf Juni 2021 verschoben – und das, obwohl dieses Jahr eigentlich 50. Jubiläum gefeiert würde. Als Gründe geben die Veranstalter an: die coronabedingt weltweit unsichere Lage, das Gesundheitsrisiko bei großen Zusammenkünften, die beschränkten internationalen Reisemöglichkeiten sowie die Unklarheiten der Schweizer Behörden im Umgang mit großen Messen. Im vergangenen Jahr lockte die Art Basel knapp 100 000 Besucher an.
Die Absage macht deutlich: Wie andere Branchen leidet auch der Kunstmarkt unter dem Virus. Einige Messen wurden wegen der Pandemie auf Herbst verschoben. Viele Messen finden ohnehin erst dann statt und hoffen auf bessere Bedingungen. Sogar die Auktionshäuser mussten Versteigerungen verschieben. Allerdings sieht Rupert Keim, geschäftsführender Gesellschafter von Karl & Faber in München sowie Präsident des Bundesverbands Deutscher Kunstversteigerer, diese Einrichtungen in einer deutlich besseren Situation als die Messen, aber auch als die klassischen Kunstgalerien. Letztere mussten während des Lockdowns erst mal auf Publikum verzichten. Nicht so die Versteigerer.
„Die Auktionshäuser haben in den vergangenen Jahren begonnen, sich digitaler aufzustellen“, erklärt Keim. „Das bedeutet nicht nur die Möglichkeit, den Auktionskatalog online abzurufen, sondern auch den Kunden die Möglichkeit zu geben, online mitzubieten.“ Karl & Faber bietet mittlerweile drei Varianten der Versteigerung an: klassisch vor Publikum im Saal, die Online-Only-Auktion, bei der es ähnlich wie bei einer eBay-Versteigerung zugeht, und die Real-Time-Online-Versteigerung, bei der ein Auktionator ohne Zuschauer live am Pult agiert und dabei gestreamt wird. So wie am 15. Mai. Da stand Keim alleine vor der Kamera und ließ sich ins Internet übertragen. Die Zuschauer konnten online mitbieten, fast so, als wären sie mit im Raum. Versteigert wurden Druckgrafik und Editionen von zehn Münchner Galerien und Kunstediteuren, die im März und April ökonomisch freilich sehr gelitten hatten.
„Galerien und Auktionshaus sind ja normalerweise ein bisschen wie Katz und Maus“, sagt Keim. „Die Galerien sagen, Auktionshäuser sind wie eine Krake, die sich alles erobert, und verkaufen die Werke recht günstig, während die Galeristen versuchen, die Galerie-Endpreise, die in der Regel höher sind, durchzusetzen.“ Durch Corona allerdings kam es zu einer Zusammenarbeit. „Wir hatten ein schönes Thema, die Galeristen konnten verkaufen und ich bekam das Feedback einer Galerie, dass die Künstler froh waren, dass wir ihnen in einer Zeit, in der gar nichts passierte, eine Plattform gegeben haben, die auch in der Szene viel besprochen wurde.“
Die Real-Time-Online-Auktion, wie diese von Karl & Faber erstmals praktizierte Form heißt, wird Schule machen. Dessen ist sich Rupert Keim sicher. Im Gegensatz zu den reinen Online-Auktionen, auch Online-Only-Auktionen, könne man beim Streaming der Auktion auch höherpreisige Werke verkaufen. Die andere Form eignete sich dagegen eher für das Niedrigpreissegment unter 5000 Euro. Eine solche läuft aktuell. Bis einschließlich 21. Juni können Interessierte bei Karl & Faber via Internet per Mausklick für zeitgenössische und moderne Kunst bieten: Zeichnungen, Druckgrafiken, Aquarelle, kleine Skulpturen und Fotografien von Gabriele Münter, Georg Baselitz und vielen anderen, aber auch ein Beuys’scher Fingernagelabdruck auf gehärteter Butter ist zu haben. Ab Mitte Juni geht es dann auch wieder in die Saalauktionen.
Heute kommen Alte Meister und Kunst des 19. Jahrhunderts, am 16. Juli moderne und zeitgenössische Kunst unter den Hammer. Freilich unter Sicherheitsauflagen. „Als Auktionator ist es suboptimal, wenn man in die Maske murmelt“, findet Keim, „aber es gibt am Pult eine Plexiglasscheibe.“ Beim Saalpublikum müssen natürlich Mindestabstand und Maskenpflicht eingehalten werden – es gibt also deutlich weniger Plätze als sonst. Dadurch, dass die Menschen jedoch auch hier coronasicher in einer Real-Time-Online-Auktion live mitbieten können und den Versteigerer an den Schreibtisch gestreamt bekommen, werden neue Bieterplätze geschaffen. Darüber hinaus gibt es freilich das gute alte Telefon.
Obwohl ein Auktionshaus wie Karl & Faber im Groben auch während des Lockdowns weiterarbeiten konnte, rechnet der Chef für 2020 mit Umsatzeinbrüchen. Im Frühjahr konnten viele Expertisen nicht eingeholt werden und die persönliche Akquise von Kunstwerken fiel aus. Dennoch glaubt er, dass die Sommersaison solide laufen wird. „Was nicht auf dem Auktionsmarkt auftauchen wird, sind Objekte im Wert von 50 Millionen Dollar und mehr. Da bewegt man sich in einem spekulativen Bereich, und da reagiert der Markt sehr sensibel auf ökonomische Zukunftsperspektiven. Ein anderes Segment, das meines Erachtens leiden wird, ist die aktuelle zeitgenössische Kunst. Etwa Werke von Künstlern, die sich noch nicht richtig etablieren konnten.“ Profitieren werden wohl wie immer die Klassiker. „Chagall und Picasso etwa konnte man auch während der Weltkriege und in den Wirtschaftskrisen verkaufen. Das war immer gesucht, und das wird auch diesmal so sein.“