Für Kunst und Kultur begeistert war ich längst, als mir „High Fidelity“ (2000) unterkam. Genau genommen war die verführerisch vielfältige Welt der Popmusik schon seit gut zehn Jahren der Dreh- und Angelpunkt meines Lebens, als ich die cineastische Inkarnation von Nick Hornbys Roman zum ersten Mal sah. Warum Stephen Frears’ Film auf Anhieb einen so tiefen Eindruck hinterließ, war mir zunächst nicht klar. Aber die Euphorie, die mich während des Abspanns überkam, war ein Indiz, dass gerade etwas Prägendes passiert war.
Sollte dieser an sich alberne Film einen ähnlichen Eindruck hinterlassen haben wie mein Erstkontakt zu anderen pophistorischen Momenten? Ganz mochte sich die Sensation nicht messen lassen an anderen „ersten Malen“; etwa als ich Led Zeppelins „Rock’n’Roll“, „Sheena is a Punk Rocker“ der Ramones, Hendrix’ „Fire“, Nirvanas „Smells like Teen Spirit“ oder „My Morning Song“ der Black Crowes gehört habe.
Und doch geschah durch diesen Film in mir etwas, das bis dato allenfalls Musik auszulösen vermochte: Ich fühlte mich rundum verstanden. Es war wie mit einzelnen Songs von Bob Dylan, Jackson Browne, Tony Joe White, Sheryl Crow oder Van Morrison. Mir war, als wäre dieses Stück Popkultur nur für mich geschaffen worden. Das als Mittvierziger zu schreiben, der die Umtriebe seines Mittzwanziger-Ichs mit der gebotenen Distanz beurteilt, ist kritisch. Vor allem angesichts der Handlung von „High Fidelity“.
Der fantastisch besetzte Film stellt an den Anfang das Ende einer Beziehung. Robs Freundin Laura (Iben Hjejle) zieht aus und schickt ihn auf den üblichen emotionalen Höllentrip, den solche Erfahrungen zur Folge haben. Er flüchtet in seine Vergangenheit, will analysieren, woran seine Beziehungen immer scheitern. Die unangenehme Antwort: im Wesentlichen an ihm selbst. Dass Robs egoistische Haltung zum Leben viel mit der egozentrischen Sichtweise eines Twens aufs Dasein zu tun hat, war natürlich nicht Ausschlag für meine Begeisterung.
Die Rahmenhandlung bot mehr Identifikationsflächen: Rob (John Cusack in seiner Prototyp-Rolle als verstrubbelter Antiheld) betreibt einen Plattenladen, gemeinsam mit zwei Musiknerds, dem extrovertierten Barry (Jack Black) und dem introvertierten Dick (John Louiso). Sie teilen immenses Musikwissen und vertreiben sich die Zeit damit, Top-5-Listen auszuhecken: der schlimmsten Trennungen, der Lieblingsbücher oder der Songs für die einsame Insel. Heimlich träumen sie von Karrieren im Musikgeschäft – in der Realität beschränken sie sich aufs Kritisieren, Schätzen und Anhäufen von Platten.
Robs Wunsch nach einem Leben in ewiger Jugendlichkeit, gepaart mit seinem sensationellen Pech bei Frauen, Barrys Traum von der Karriere als Musiker und Dicks Faible für die Fußnoten lexikalischen Musikwissens – diese drei schrägen Vögel spiegelten drei Seiten meines Charakters. Wie Dick war ich um kein Bonmont zu drei unzusammenhängenden Akkorden verlegen. Wie Barry schöpfte ich Selbstsicherheit aus dem Wissen, dass meine Garagenband unweigerlich zu Weltruhm gelangen würde. Und selbstverständlich hatte ich mich wie Rob schon gefragt, wieso Eltern ihre Kinder von allem Gefährlichen fernhalten, nicht aber von Popmusik. Schließlich besteht sie zum Gutteil aus wenig erbaulichen Songs über die infernalischen Abgründe von Liebeskummer.
Hauptsächlich aber eröffnete mir der Film neue Dimensionen in Sachen Kultur. Die wichtigste Erkenntnis war, dass es völlig okay ist, sich in unterschiedlichen Genres wohlzufühlen. An dieser Stelle muss man sich vor Augen halten, dass die Popkultur der Neunziger von einem Paradoxon geprägt war. Einerseits erwies sie sich als so fruchtbar, vielseitig und von Pioniergeist durchwirkt, dass parallel die brachiale Dissonanz des Grunge, die kühle Harmoniesucht des Britpop und die geballte Energie des Big Beat aufblühen konnten. Andererseits musste man ständig entscheiden: Nirvana oder Pearl Jam? Oasis oder Blur? Chemical Brothers oder Prodigy? Wehe dem, der auch Retro-Rock, Soul, Funk oder Antifolk gut fand! Spätestens bei der Filmszene also, die während einer Top-5-Album-Diskussion Massive Attack, The Clash, Nirvana, Marvin Gaye und Velvet Underground nebeneinander stellt, wollte ich aus dem Kinosessel aufspringen und applaudieren. Diese Bands einte bei aller Verschiedenheit: Qualität. Unter diesem Eindruck schuf ich eine Kategorie, nach der ich Musik noch heute einordne: Vinyl-Musik – in Abgrenzung zu Gebrauchsmusik.
Womit wir bei Erkenntnis Nummer zwei wären: Vinyl. Musikalisch sozialisiert in den Neunzigern, spielte für mich die kleine silberne Scheibe eine viel größere Rolle als die große schwarze. Die CD war das neue Ding – und doch beschlich mich der Verdacht, dass ich aufs falsche Pferd setzte. Nach „High Fidelity“ wich dieser Verdacht Gewissheit, und ich fing an, wenigstens Vinyl-Musik auf LP zu kaufen. Schließlich zeugt keine Konsumform von mehr Respekt gegenüber der Kunst: Eine Platte hört man aktiv, sie verlangt nach Aufmerksamkeit, man muss sie umdrehen, gelegentlich reinigen und ihre Hülle vor Knicken schützen.
Dass ich mein CD-Archiv heute im Keller hüte und feine Alben abseits von Gebrauchsmusik im Sessel neben meiner Plattensammlung höre, mag auch der Ästhetik des Films geschuldet sein: Wie heimelig es in Robs warm ausgeleuchtetem Apartment aussah, die hohen Plattenregale, die so viel mehr Erinnerungen beherbergen als jedes Fotoalbum. Die gemütlichen großen Sessel, in denen man wohlig sitzend sich in eine LP versenken kann. Ich verdanke „High Fidelity“ die Einsicht, dass nicht der Besitz, sondern die Entdeckung neuer Musik das Leben bereichert und dass eine Sammlung mindestens so viele Bestandteile hat wie Lücken.