Während draußen der Regen strömt, werden maskierte Opernliebhaber tröpfchenweise durch zwei Eingänge und die Eingeweide des Münchner Nationaltheaters zu ihren großzügig auf der Bühne verstreuten Plätzen geleitet. Gespenstisch ist der Blick auf den schemenhaft sichtbaren, seit Monaten menschenleeren Publikumsraum, während sich zu einer beunruhigenden elektronischen Soundkulisse Stimmgeräusche aus dem Orchestergraben gesellen – aber der ist leer: „No hay banda“.
Alles ist Illusion im „Club Silencio“. Ihn hat Yana Thönnes am „Freien Sonntag“, einem der ersten realen Gehversuche der Staatsoper seit dem Lockdown, nach dem Vorbild von David Lynchs mysteriöser Sequenz am Ende des Films „Mulholland Drive“ kreiert. Ihre Revue, in der Fake und Fakten trickreich ineinanderfließen, ist ebenso klug wie unterhaltend. Sie hält unserer surrealen Realität einen künstlerischen Spiegel vor. „No hay banda“ – mit diesen Worten eröffnet ein Magier die geheimnisvolle Filmszene. In Thönnes’ Version führt Travestiekünstler Peter Ambacher a.k.a. Miss Piggy durch den exklusiven „Club für die, die daran glauben“: als knurriger Hausmeister und glitzernde Diva mit sonorer Stimme und hohen Pumps. Höhepunkt seiner Performance ist das Playback einer Arie aus „Madame Butterfly“, für die ihm die legendäre Sopranistin Renata Tebaldi aus dem Jenseits ihr engelsgleiches Kolorit leiht.
Alles ist Illusion in diesem Varieté der Täuschung. Das zeigt Thönnes auch als Performerin, wenn sie mit Hingabe „Llorando“, das spanische Cover von Roy Orbisons „Crying“ singt und mitten im Lied zusammenbricht, während die herzzerreißende Stimme Rebekah del Rios vom Band unbeirrt weitersingt: „No hay banda“. Und doch entlockt der ebenfalls als Performer agierende Sound-Designer des Abends, Nile Koetting, dem imaginären Orchester am Ende einige Takte aus Wagners „Fliegendem Holländer“, bevor er in den leeren Orchestergraben stürzt und der Vorhang fällt.
Auf statt vor der Bühne bleibt inmitten der sonst unsichtbaren Technik das Publikum zurück; und nicht zuletzt diese kleine Verschiebung der theatralen Gesetzmäßigkeiten wirft ein seltsames Licht auf unsere unwirkliche Realität.