Das öffentliche Leben befindet sich noch immer im Wartezustand. Theater und Kinos, Oper und Konzertsäle, Hallen und Live-Clubs, Bibliotheken und Museen müssen sich wegen der Corona-Pandemie umstellen. Normalerweise sind wir Kulturredakteure und unsere freien Kritiker für Sie, liebe Leserinnen und Leser, Tag für Tag und Abend für Abend unterwegs, um über das Kulturleben in München und Bayern zu berichten. Die Zeit der Zwangspause nutzen wir nun, um innezuhalten – und uns zu fragen, welches Ereignis, welcher Künstler, welche Musikerin, welches Werk uns einst für Kunst und Kultur begeistert hat. Die natürlich absolut subjektiven und individuellen Antworten drucken wir in loser Folge – und hoffen, dass die Texte auch für Sie Entdeckungen bereithalten. Heute schreibt Armin Rösl, der für uns hauptsächlich Musikkritiken verfasst, über die Band Ougenweide.
Klappe ich das Schallplatten-Doppelalbum „Liederbuch“ auf, paart sich der Duft der leicht modrigen Hülle aus Karton und des Papiers, auf dem die Texte gedruckt sind, mit zartem Frühlingsgeruch. Ich rieche zunächst den Mief der Hülle, doch schon wenige Sekunden später duften Blumen und Gras in meiner Nase, spüre ich Sonnenstrahlen meinen Körper wärmen, zarten Wind über mein Gesicht hauchen, und ich sehe unter mir einen Fluss. Ich sitze auf einer Bank, allein auf einer Anhöhe. Blicke hinab ins Tal und höre über meinen Walkman-Kopfhörer diese Zeilen: „Komen ist uns eine liehtiu ougenweide, man siht der rosen wunder uf der heide, die bluomen dringent durch daz gras, wie schone ein wise getouwet was, da mir min geselle zeinem kranze las!“
Eine Strophe des mittelhochdeutschen Gedichts „Ougenweide“ von Neidhart von Reuental (erste Hälfte des 13. Jahrhunderts), einem der bedeutendsten deutschsprachigen lyrischen Dichter des Mittelalters. Das sind Erinnerungen, die immer wieder in mir hochsteigen, höre ich dieses und andere Lieder der Band Ougenweide, die sich 1970 in Hamburg gründete und 2010 ihr letztes Lebenszeichen von sich gab. Die alten Platten habe ich freilich noch, für den Walkman hatte ich sie stundenlang geduldig auf Kassetten überspielt, um sie in das kleine Musikmitnahmegerät legen zu können.
Mit den Liedern von Ougenweide bin ich als Kind und als Jugendlicher geflüchtet von zuhause, vor meinem alkoholkranken Vater. Habe mich auf eine Anhöhe gesetzt, auf den Fluss geschaut, die Kopfhörer aufgesetzt und bin in eine andere Welt abgetaucht. Wo ich mich aufgehoben und geborgen fühlte. Dieses Gefühl habe ich heute noch, wenn ich Ougenweide höre.
Die Band aus Hamburg hat mittelalterliche Gedichte vertont, die meisten von ihnen stammen von Neidhart von Reuental und von Walther von der Vogelweide (1170-1230). In einem Second-Hand-Plattenladen war ich rein zufällig auf das Doppelalbum „Liederbuch“ gestoßen, hatte mich zum Probehören an einen der Plattenspieler gestellt, die Kopfhörer aufgesetzt – und war fortan in den Bann dieser Band, dieser Musik gezogen. Welch schöne Stimmen, welch Texte, welch Sprache! Welch wundervolle und abwechslungsreiche Instrumentierung, eine Mischung aus Mittelalterklängen und Rockmusik.
Das letzte Album der Hamburger Band, 2010 erschienen, trägt den Titel „Herzsprung“. Genau so fühlte ich mich damals, als ich Ougenweide zum ersten Mal hörte: Mein Herz sprang vor Freude und Wehmut zugleich. Freude, diese Musik gefunden zu haben, Wehmut, nicht vollends in diese Musik und in diese Zeit abtauchen zu können. Verschwinden zu können vom damaligen Jetzt. Ach, wie gerne wäre ich Minnesänger gewesen, Geschichten erzählend mit Gitarre durch die Lande ziehend.
Ich kaufte mir alle Platten von Ougenweide, darunter das Konzeptalbum mit Geschichten von Till Eulenspiegel. Ich begann, Motive der Cover nachzuzeichnen, immer wieder das große Auge, das in einer Landschaft liegt. Ich erwarb außerdem, als ich 16 war, vom ersten Ferienjob-Geld eine Gitarre, übte die leichten Akkorde, die im Doppelalbum „Liederbuch“ abgedruckt sind. Beim Lied „Pferdesegen – contra uermes“ konnte ich mich in eine Art meditativen Rausch spielen. Immer wieder wiederholte ich dieses Lied mit seiner eintönigen Melodie. Ich tue dies heute noch manchmal.
Ich kaufte mir einen Gedichtband mit Texten von Walther von der Vogelweide und las die Biografie über ihn und über Neidhart von Reuental. Eines von Walthers Gedichten kann ich heute noch zumindest abschnittsweise auswendig: „Ouwe war sint verswunden alliu miniu jar? Ist mir min leben getroumet, oder ist es war?“ Ja, ich war oft auf Mittelaltermärkten und -festen, kleidete mich entsprechend meinen Vorbildern, zu denen auch die Mitglieder von Ougenweide zählten: nie als heldenhafter Ritter, sondern als Minnesänger, als Geschichtenerzähler. Ein solcher wollte ich sein. Und als Journalist bin ich es ja irgendwie auch geworden.