Mit Wow-Effekt

von Redaktion

Das Museum Villa Stuck präsentiert die Plastiken des Hausherrn neu

VON SIMONE DATTENBERGER

Inszenierungen mit Wow-Effekt – die waren Franz von Stucks Spezialität. Das gilt für seine Werke genauso wie für die Ausstattung seines Münchner Domizils hinter dem Friedensengel. Wer sich dem Haus nähert, sieht sofort die kämpfende Amazone auf ihrem Ross. Man könnte meinen, man besuche ein Skulpturenmuseum. Sogar im (alten) Foyer empfangen einen Statuen und Reliefs aus der Antike inklusive assyrischer „Sterbender Löwin“. Genau diese Inszenierung der eigenen künstlerischen Grundlagen führt der Bayer Stuck (1863-1928) in den Prunkzimmern fort. Wobei etwa die Athena aus der Ägineten-Gruppe der Glyptothek dort so gut zu Beethovens Lebend-Maske passt wie der Sänger-Star Orpheus. Diese Gesamtkunstwerks-Strategie verdichtet sich in Stucks „Sünde“-Altar: Gemälde plus Skulpturen plus Design. Kein Wunder also, dass Margot Th. Brandlhuber (Leitung Sammlungen Stuck und Jugendstil) bei der Neupräsentation der Statuetten des Künstlerfürsten auch auf den Wow-Effekt setzt.

Allerdings ist es schwer, mit Stucks Prunkräumen, die in Gold, Silber und Blau funkeln und dunkel locken wie die Nacht, zu konkurrieren. Die Kuratorin schafft das im Gartensaal samt Kabinett aufs Beste. Am elegant hervorgehobenen Entwurf für ein Beethoven-Denkmal (à la Freund Klinger) vorbei erblicken Besucherin und Besucher erst die Schar von Stucks starken Frauen und dahinter zwei starke Männer. Hier wie auch im anschließenden Musikzimmer wurde neues Licht installiert, das wirklich für ein neues Seherlebnis sorgt. Und: Man kann um fast jede Plastik herumgehen.

Anlass für diese brillante Schau ist die Erwerbung von „Phryne“ (1924), einer der spätesten Arbeiten von Stuck. Er hat, laut Brandlhuber orientiert am antiken Relief, bereits stark abstrahiert: macht sich also auf seine alten Tage auf in die Moderne. Sehr selbstbewusste Frauenfiguren mochte er immer. Und sie brachten ihm immer Glück. Die Amazone von 1897 war ein Knaller. Jahrzehnte später kontrastiert der Künstler diese wild bewegte Frau mit einer absolut ruhigen, aber genauso mutigen. Phryne war nicht nur Hetäre, das heißt in wissenschaftlicher und künstlerischer Bildung und Selbstbestimmung auf Augenhöhe der Oberschicht-Griechen; sondern Phryne legte sich auch mit den Göttern an. Sie sei schöner als Aphrodite, so ihre Behauptung. Das trug ihr eine höchst gefährliche Blasphemie-Klage ein. Franz von Stuck schildert mit seinem Werk den Moment, als die Hetäre vor den Richtern ihren Mantel öffnet, um den Beweis für ihr Statement anzutreten. Und sie bekam Recht.

Ihre Gelassenheit korrespondiert mit der von „Helena“, „Monna Vanna“ und der „Sünde“ – sowie mit der Lässigkeit des „Wächters des Paradieses“. Das mächtige Gemälde verschaffte Stuck den Durchbruch als Maler. Wir stehen als Sünder keinem zornigen Erzengel gegenüber, sondern einem sehr entspannten, androgynen Jüngling (laut Brandlhuber mit dem Gesicht des jungen Stuck). Viele solcher Bezüge lassen sich beim Rundgang durch die alte Villa herstellen: Suche die Tänzerinnen, die Faune, die Tiere und die Muskelmänner!

1. Juli bis 25. Oktober,

Di.-So. 11-18, morgen, 11-20 Uhr, bei freiem Eintritt; zwischen 16 und 17 sowie 18 und 19 Uhr beantwortet die Kuratorin Fragen.

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