Derzeit sieht es etwas wüst aus im Münchner Marionettentheater an der Blumenstraße. Zwischen den 14 Reihen liegen Werkzeuge, Holzkonstruktionen, ein altes Figurentheater erhebt sich über die weißen Sitze und die Bühne gleicht einem schwarzen Loch – die Kulissen sind verschwunden: Die Lichtanlage wird ausgetauscht. Eine lang geplante Maßnahme, finanziert von der Stadt.
„Normalerweise hätten wir ja jetzt unsere Sommerpause“, erklärt Intendant Siegfried Böhmke. Normalerweise. Denn seit März ist durch Corona auch in diesem Hause alles anders: Kein Spielbetrieb für Groß und Klein, keine Führung, keine Kindergeburtstage. Böhmke musste seine freien Mitarbeiter entlassen – immerhin anderthalb Monate konnte er sie trotz Lockdown weiter beschäftigen. Dann war aber doch Schluss.
Jetzt besteht die „Mannschaft“ des 72-Jährigen aus gerade noch sechs Mitarbeitern. Bitter. Umso mehr, als heuer gleich zwei Jubiläen anstünden: Vor 120 Jahren zog Josef Leonhard Schmid (1822 -1912), von den Münchnern liebevoll Papa Schmid genannt, mit seinem Marionettentheater in den eigens dafür errichteten Bau an die Blumenstraße – seine alte Spielstätte bestand aus Holz und entsprach auch schon damals nicht den gängigen Brandschutzbestimmungen.
Auch Böhmke selbst hätte Grund zum Feiern: Er ist seit 20 Jahren als Intendant im Amt. Der Puppenspieler, der unter anderem bei „Sesamstraßen“-Gründer Jim Henson (1936-1990) eine Ausbildung absolvierte, hat das Theater um Klappmaul- und Stabpuppen bereichert. Bis heute baut er mit großer Liebe zum Detail Puppen und Kulissen selbst – und eine Würdigung wäre hochverdient.
Wahrlich schade, aber: „Wir haben unser Programm dafür auf 2021 verschoben und feiern dann nach.“ Für heuer war ein vierwöchiges Fest geplant mit Gästen etwa aus Düsseldorf und Frankreich – ob sich das Programm dann komplett übernehmen lässt, ist ungewiss. Der städtische Zuschuss zum privat geführten Marionettentheater ist derweil noch bis Ende des Jahres gesichert. „Meine große Sorge ist vor allem die Vorweihnachtszeit: Unsere Vorstellungen am Vormittag werden überwiegend von Schulklassen besucht. Doch wie werden die Schulen heuer reagieren?“ Er könne nur hoffen, dass die Stadt weiter unterstützt.
Sorgen macht er sich aber nicht nur um seine eigene Bühne: „Wie sollen die freien Puppenspieler, die auf Jahrmärkte, Schulbesuche und Feste angewiesen sind, diese Krise überleben?“ Während die Pandemie die Stadt verwaisen ließ, waren die Puppenspieler im Marionettentheater dennoch emsig zugange. Weiter ging die Arbeit an Puppen, Kostümen und Kulissen, Konzeptentwicklung und Kontaktpflege. So hat sich das Marionettentheater die Rechte an Peter Maffays Musical „Tabaluga“ gesichert. Als unsere Zeitung vorbeischaut, wird gerade an Marienkäfer Bully geformt. Als eine der ersten Bühnen nach dem Lockdown streamte das Theater „Die Zauberflöte“, etwas später das Kinderstück „Der kleine Bär“, und als vorläufigen Schlusspunkt gab es eine 70-minütige und interaktive Führung durchs Haus mit allerlei Geschichten und Anekdoten. Diese ist übrigens derzeit noch bei Youtube zu sehen.
Die Resonanz des Publikums: „Grandios!“ Es kam viel Zuspruch, Spenden auch – das rührt Böhmke. Gern erzählt er von einer Zuschrift samt Foto, das die gesamte Familie vor der „Zauberflöte“ zeigt: „Wir haben uns dafür extra schick gemacht“, heißt es dazu im Brief.
Nun aber blickt man nach vorn. Ein neuer Öffnungstermin steht noch nicht fest, doch es gibt eine Einladung, sich am Münchner Festival „Sommer in der Stadt“ mit der mobilen Bühne, die man vielleicht von der Oidn Wiesn kennt, zu beteiligen. „Das werden wir tun“, sagt Böhmke. Denn: Die Puppen wollen endlich wieder tanzen. Und ihre Macher ihnen wieder zu Leben und Seele verhelfen.