Man kann so viel machen

von Redaktion

Das Münchner Volkstheater startet heute Abend in die Spielzeit 2020/21

VON TERESA GRENZMANN

Ferien? Von wegen. Sommertheater im Volkstheater! Damit der Umzug in den Neubau im Viehhof ab April 2021 stattfinden kann, läutet das Haus schon jetzt seine neue Spielzeit ein. Sogar die Probebühne der Schauburg hat Intendant Christian Stückl angemietet, um fünf Coronataugliche Produktionen, in die das gesamte Ensemble eingebunden ist, parallel probieren zu können. Heute um 20.30 Uhr macht seine Premiere von George Taboris „Die Goldberg-Variationen“ den Anfang.

Ein Stück im Stück. Es geht um Theater. Um die Bibel. Und um die komödiantische Fallhöhe, welche die eine Schöpfung für die andere bereithält. Der Regisseur Mr. Jay und sein Assistent Goldberg proben Szenen aus dem Alten Testament. Doch bei der bedingungslosen Suche nach Wahrhaftigkeit spielen die Schauspieler nicht mit. Plötzlich ist herber Antisemitismus mit im Spiel, die Genderfrage wird gestellt, die Rede ist von Pest und Cholera – auf der Bühne das Chaos der Welt.

Eigentlich seltsam, dass er, der seit 40 Jahren in Oberammergau Passionsspielleiter ist, dieses Drama nicht schon früher angegangen ist. Stückl nickt, schon lange trägt er es mit sich herum. Nun passt es, in jeglicher Hinsicht, findet er. Und nach der Absage der Passion 2020 kommt noch ein ironisch bittersüßer Beigeschmack hinzu: „Ich kann eine Kreuzigung machen, und die Lebenden Bilder kommen auch fast alle vor: Abraham und Isaak, Kain und Abel, Adam und Eva.“ Dazu die spannende Diskussion im Text, wie lebensecht Theater sein muss, um den Zuschauer zu bewegen. In Zeiten von Social Distancing, wenn Schauspieler selbst bei Liebesszenen oder Schlägereien auf Abstand gehen müssen, erhält diese Frage eine neue Dimension. Egal bei welchem Stück: Die Rolle, die Corona spielt, ist eine Herausforderung.

Kennengelernt hat Stückl Tabori 1987 an Dieter Dorns Kammerspielen. 1990, gerade hatte er beschlossen, als Taboris Regieassistent ans Berliner Schillertheater zu gehen, eröffnete ihm Dorn die Aussicht, in München selbst zu inszenieren. Tabori entschied für ihn: „Selber machen!“

Seit 1986 hat Stückl es sich zur Aufgabe gemacht, das Oberammergauer Passionsspiel von Antijudaismen zu befreien. Am Sonntag wird ihm dafür der Abraham-Geiger-Preis verliehen. „Für mich ist es fast eine Selbstverständlichkeit“, erklärt er sein Engagement, „eine 40-jährige Selbstverständlichkeit: Es kann nicht angehen, dass wir den Antisemitismus in irgendeiner Weise weiterleben. Wir müssen heute mit einer großen Offenheit aufeinander zugehen.“ Die Auszeichnung sei für ihn „ein Ausdruck dafür, dass wir miteinander im Gespräch sind“.

Diese Arbeit hört nie auf. Nur wenn seine Darsteller verstehen, was es bedeutet, dass Jesus Jude war, können sie die Botschaft auch ans Publikum weitergeben. Das Preisgeld von 10 000 Euro stellt Stückl für die interreligiöse Begegnung mit Studierenden des Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerks zur Verfügung, dem Theaterkolleg der Jüdischen Begabtenförderung, mit dem er seit 2011 in engem Austausch steht.

18 Jahre an der Brienner Straße. Das Münchner Volkstheater, das Stückl 2002 von Ruth Drexel übernahm, war lediglich eine ehemalige Mehrzweckhalle, ohne Schnürboden oder Werkstätten. Dennoch war ihm sofort klar: „Das war mein Haus!“ Zwei Jahre gab ihm sein erster Vertrag, um das Theater wiederzubeleben. „Und wir haben es dann relativ schnell geschafft, es zu unserem Haus zu machen, auch junges Publikum anzulocken. Bei uns gehen Dinge, die an anderen Häusern nicht möglich sind. Wir machen einfach! Wichtig ist, dass man flexibel bleibt und dass man frei wird.“

Wenn er an den Neubau im Viehhof denkt, schüttelt Stückl beinahe ungläubig den Kopf. „Du kommst dir vor, als würdest du einen Dom bauen – ganz schön groß! Ich hänge eigentlich total an diesem Haus, aber ich freue mich, dass wir da drüben was Neues aufziehen können.“

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