Punk ist tot

von Redaktion

Das Residenztheater geht mit „M (2) – Eine Stadt sucht einen Mörder“ in die Sommerpause

VON MICHAEL SCHLEICHER

Hier passt einfach alles. Ein Stück über eine Stadt in Angst – inszeniert mittendrin: Passanten schieben ihre Räder über den Marstallplatz, bleiben stehen. Neugierig, schaulustig, gaffend. Durch die Alfons-Goppel-Straße brettert ein Motorrad (auf der Flucht?), dann rauscht ein Sanka mit Blaulicht vorbei. Sagen wir es gleich: Besser wird’s nicht.

Denn bei „M (2) – Eine Stadt sucht einen Mörder“ passt so gut wie gar nichts. Wie berichtet, wollte Schorsch Kamerun, Regisseur, Autor, Mitbegründer und Sänger der fein-fiesen Punkband Goldene Zitronen, Fritz Langs Filmstoff aus dem Jahr 1931 fürs Residenztheater adaptieren. Corona verhinderte im Mai die Premiere, stattdessen wurde eine Hörspielfassung gesendet. Das Experiment glückte: Kamerun verschnitt Langs konkrete Geschichte vom Kindermörder, der Berlin in die Hysterie treibt, mit diffusen Stimmungsbildern eines Lebens in Zeiten der Seuche. Ob die Menschen in Berlin oder die Leute von heute: „Mit uns rennen die Gespenster“, wie es einmal heißt. Diese 50 Minuten funktionierten auch deshalb, weil in den besten Momenten eine dichte Atmosphäre entstand – letztlich aber nur in den Köpfen der Hörerinnen und Hörer. Das spiegelte das Grundmotiv: Ist die Bedrohung real oder eingebildet?

Eben daran scheitert nun die Live-Film-Performance, die als zweite Stufe des Projekts am Mittwoch einmalig auf dem Marstallplatz gezeigt wurde. Denn Kamerun, der unter seinem Geburtsnamen Thomas Sehl durch den Abend führt, kommt übers plumpe Bebildern nicht hinaus. Natürlich muss die Frage „Wem nützt welcher Schrecken?“ gestellt werden. Klar ist es wichtig zu untersuchen, welche Freiheiten im Kampf gegen eine Pandemie – oder jede andere Bedrohung – geopfert werden. Aber das Raunen vom „digitalen Totalitarismus“ ersetzt halt keine Analyse. Was in den paar Minuten eines Punk-Songs Kraft entfaltet, weil’s direkt auf die Zwölf geht, ist über 90 Theaterminuten: schlicht. Der Punk ist hier mausetot.

Als hätte Kamerun bemerkt, dass das Bohren dünner Bretter weder abendfüllend ist noch Staatsschauspiel-Niveau hat, fährt er auf, was die Resi-Abteilungen hergeben: Das Geschehen an zig Spielorten wird in Schwarz-Weiß auf die Leinwand übertragen, es gibt Live-Musik, viele ausgefallene Kostüme, noch mehr Requisiten und ein enormes, aber fades Ensemble, in dem einzig Oliver Stokowski überzeugt. Schließlich fährt ein Lkw als zusätzliche Spielfläche auf den Platz, wird eine Luftskulptur aufgeblasen. Ja, mei.

Peinlich wird es, als Kamerun das Spiel unterbricht und zum „Experten-Gespräch“ schaltet: Matthias Weinzierl vom Flüchtlingsrat und Ulrike Protzer, Direktorin des Instituts für Virologie der TU, wissen aber offenbar nicht so recht, was von ihnen erwartet wird. Überfordert, wie sie sind, tun sie weder der Sache der Geflüchteten noch der Wissenschaft einen Gefallen.

Mit diesem Abend hat sich das Resi in die Sommerpause verabschiedet. Die gilt’s zu nutzen. Damit es für die Premiere von „M (3)“ am 26. September nicht so finster ausschaut wie der Nachthimmel überm Marstall.

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