Metallica, das ist die ewige Live-Maschine des Heavy Metal. Doch seit vergangenem September standen die vier Musiker nicht mehr gemeinsam auf der Bühne – erst wegen James Hetfields Alkohol-Entzug, dann kam die Corona-Pandemie. Am 28. August erscheint der bis dato letzte Auftritt mit dem San Francisco Orchestra unter dem Titel „S&M²“ als Live-Album – genau 20 Jahre nach der ersten Zusammenarbeit mit dem Orchester. Ein Anruf in Hawaii bei Gitarrist Kirk Hammett, 57, über das Bandleben in Pandemiezeiten, Ideen für ein neues Album und einen verrückten US-Präsidenten.
Wie fühlt sich das an, so lange nicht mehr auf einer Bühne gestanden zu haben?
Es ist verrückt, das letzte Metallica-Konzert war im September. Zusammen mit Rob (Robert Trujillo, Metallica-Bassist; Anm. d. Red.) hatte ich im März noch einen Auftritt mit unserer Coverband The Wedding Band. Wenn wir gewusst hätten, dass das unsere letzte Show vor Publikum für so lange Zeit sein würde, dann hätten wir doppelt so lange gespielt.
Womit vertreiben Sie sich die Zeit während der Corona-Pandemie?
Ich versuche, gesund zu bleiben. Ich treffe kaum Menschen, trage brav meine Maske. Ansonsten mache ich viel Sport – Yoga, Surfen, Meditation – und hänge mit meinen Kindern ab. Und natürlich habe ich zurzeit ziemlich oft meine Gitarre in der Hand.
Sind dabei auch schon Kompositionen für ein neues Metallica- Album entstanden?
Ja, wir sind gerade dabei, alle unsere Ideen zusammenzubringen. Bis zum Februar wusste niemand von uns, was zur Hölle „Zoom“ sein soll. Jetzt haben wir jede Woche eine Video-Konferenz. Wann wir letztendlich wieder zusammen ins Studio können, weiß keiner. Aber allein bei mir sind in den vergangenen vier, fünf Jahren mehr als 600 Song-Ideen entstanden. Die habe ich jetzt in zwei Monaten alle durchgehört.
Wie klingt das neue Material?
Im Gegensatz zu früher ist es weniger bluesig. Anscheinend bin ich in den vergangenen Jahren etwas wütender geworden. Jedenfalls habe ich aktuell einfach Lust auf energiegeladenen, rifflastigen, aggressiven Heavy Metal.
Sie hatten auch mal über ein Solo-Album nachgedacht…
Ich habe zwei Instrumental-Stücke geschrieben für Ausstellungen meiner Horrorfilmposter-Sammlung. Da werden wohl demnächst noch ein drittes und viertes Stück hinzukommen. Alle so sieben bis acht Minuten lang, das reicht ja schon fast für ein Album. Wenn wir bis zum Jahresende mit Metallica nichts machen können, wer weiß, vielleicht gibt es dann ein Solo-Album von mir.
An welchen Horrorfilm erinnert Sie die Pandemie?
Sie ist eine Kombination aus „The Stand“, „The Dead Zone“ und „Night of the living Dead“. Bei Stephen Kings „The Stand“ bricht ein Virus aus, das 99 Prozent der Bevölkerung auslöscht. Es bleiben zwei Gruppen übrig, die Guten und die Bösen, die sich am Ende gegenüberstehen. Ein bisschen wie in den USA im Moment. Bei „The Dead Zone“, ebenfalls von Stephen King, geht es um einen völlig verrückten Politiker an der Spitze des Landes. Auch das erinnert mich an unsere Situation gerade. Und an „Night of the living Dead“ denke ich, wenn mir jemand ohne Maske entgegen kommt. Ein Zombie, der mich mit seinem Zombie-Virus infizieren will. Da halte ich lieber Abstand, ich kann nicht anders. Ich glaube, ich habe einfach zu viele Zombie-Filme gesehen.
Heute in einem Monat erscheint Metallicas neues Live-Album, aufgenommen mit der San Francisco Symphony. Warum passt klassische Musik so gut zu Heavy Metal?
Weil klassische Musik wie unsere Songs sehr dynamisch und melodramatisch zugleich sein kann. Die Stimmung eines Stücks kann sich innerhalb von Sekunden verändern. Diese Brüche verbinden uns. Das kann man wunderbar verschmelzen. Nicht wie beim Blues, bei dem der ganze Song im selben Rhythmus aufgebaut ist. Mit einem Orchester zusammen mag das für ein Stück vielleicht ganz cool sein. Aber über zwei Stunden wird das ziemlich langweilig.
Wann sieht man Sie und Ihre Kollegen wieder auf der Bühne?
Tja, das wüssten wir auch gerne. Es werden ja alle möglichen Alternativen überlegt, bis zum Autokonzert.
Wär’ das was für Sie? Ein Metallica-Drive-in?
In diesen Zeiten ist alles möglich, solange die Leute dadurch gesund bleiben.
Das Gespräch führte Dominik Göttler.