Spielen, was dasteht – als ob das so einfach wäre. Und als ob sich wirklich darin alles erschöpfen würde. Dem Werk verpflichtet zu sein, seinen Inhalt nicht nur zu erspüren, sondern klanglich plausibel zu machen, das war die eine Kunst von Franz Lehrndorfer. Gleichzeitig ging dieser Organist über das Fixierte, das überzeitlich Festgehaltene weit hinaus, indem er eine überwältigende Kunst des Augenblicks schuf – in seinen (ob zeitlich oder klanglich) sich bis ins Monumentale weitenden Improvisationen.
Vor allem sie bildeten gern den Höhe- und Endpunkt in den Konzerten des 2013 verstorbenen Münchner Domorganisten. Improvisationen auf CD festhalten, das mag ein Widerspruch in sich sein. Und doch ist es wichtig, um sich die Fertigkeiten des gebürtigen Salzburgers zu vergegenwärtigen. Seiner Witwe Ingeburg Lehrndorfer ist es zu verdanken, dass diese Improvisationen und noch viel mehr auf Silberscheiben festgehalten wurden. Eine, auch typisch für den Organisten und Pädagogen, ausgedehnte bis einschüchternde Edition ist dabei herausgekommen, die mit CD Nummer 13 und 14 ihren Abschluss gefunden hat.
Die vorletzte Folge widmet sich dabei Improvisationen über Marienlieder. Bemerkenswert ist, wie Lehrndorfer die klassischen, allbekannten Weisen nicht nur dehnt, im Doppelsinn spielend kommentiert, sondern auch in die Moderne überführt – ohne ihren Geist zu verletzen. CD 14 bietet ein historisches Dokument. Es ist das Eröffnungskonzert der neuen Münchner Dom-Orgel vom 10. April 1994. Lully, Bach (die berühmte Toccata und Fuge d-Moll), Liszt, Reger, Messiaen und natürlich eigene Improvisationen: Lehrndorfer führte hier die enormen Möglichkeiten des Instruments vor – ohne auch nur einen Takt an den Effekt zu verraten.
Sicher: Gerade in den Wiedergaben barocker Werke wurde deutlich, dass Lehrndorfer einem Ideal nachhing, das mancher als „romantisch“ titulieren mochte. Doch Glanz und Fülle, Farbspektrum und Nuancierungslust, all das war immer kanalisiert und ereignete sich aus dem Bewusstsein, dass die Vorklassik keine vegane Musik entstehen ließ – man sehe sich nur barocke Gemälde an. In vielen CD-Stunden ist die Kunst des polyglotten Franz Lehrndorfer, dieses pragmatischen Visionärs, damit dokumentiert. Ein echtes Vermächtnis.
„Franz Lehrndorfer live“,
Volume 1-14.
(Butz/BR Klassik).