Zwei Fäuste für den Jazz

von Redaktion

INTERVIEW Anlässlich seines 80. spricht Siggi Loch über sein Münchner Label ACT

So ein „Pechvogel“: Schon in ganz jungen Jahren wollte Siggi Loch eigentlich sein eigenes Jazzlabel gründen, doch dann kam ihm die Karriere dazwischen. Mit Mitte 20 wurde er Geschäftsführer bei Liberty und damit der jüngste Plattenboss in der damals noch florierenden Branche. Mit „Selbstvertrauen und Zielstrebigkeit“, die er als seine wichtigsten Charaktereigenschaften nennt, und nicht zuletzt dank seines Gespürs für Talente – Loch entdeckte und förderte etwa Klaus Doldinger, Al Jarreau oder Marius Müller-Westernhagen – brachte er es bis zum Präsidenten von WEA Europa. 1992, mit knapp 52, erfüllte er sich doch noch seinen Jugendtraum und gründete seine eigene Firma ACT. Sie ist seit 1999 in München ansässig, und er baute sie seitdem zu einem der international renommiertesten Jazzlabels aus. Kurz vor seinem heutigen 80. Geburtstag sprachen wir mit einer der erfolgreichsten Produktivkräfte des europäischen Musikgeschäfts.

Würden Sie rückblickend sagen, dass es ein Glücksfall war, Ihren Traum vom eigenen Jazzlabel nicht sofort verwirklicht zu haben?

Ich habe keinen Grund, mit meinem Schicksal zu hadern, ganz im Gegenteil. Ich begreife es als Glück, die Chancen, die sich mir geboten haben, in meiner beruflichen Entwicklung erkannt und genutzt zu haben. Die dabei gesammelten Erfahrungen sowie die dadurch gewonnene finanzielle Unabhängigkeit haben mich bei der Verwirklichung meines Jugendtraums sehr beflügelt. Es war und ist mir aber bis heute wichtig, dass ACT wirtschaftlich auf eigenen Füßen steht. Das ist auch ein Stück weit ein Gradmesser der Relevanz dessen, was wir tun. Ich habe mich nie als Mäzen gesehen, sondern immer als Kulturarbeiter.

Wenn heute ein junger Mensch zu Ihnen sagte, sein Ziel sei es, ein eigenes Label mit Schwerpunkt Jazz aufzubauen: Was würden Sie antworten?

Dass das sehr mutig ist, und ich ihm oder ihr viel Glück wünsche. Gute Dinge finden meistens ihren Weg. Aber die Zeiten haben sich besonders durch die Digitalisierung natürlich stark geändert, und so müssen sich auch die Ausrichtung und die Angebote ändern, die man an die Künstler und den Markt macht.

Welche Pläne haben Sie für ACT in den nächsten Jahren? Wie sollte die Firma idealerweise an Ihrem 90. Geburtstag aufgestellt sein?

Seit fünf Jahren teile ich mir die Geschäftsleitung mit dem 40 Jahre jüngeren Andreas Brandis. Gemeinsam entwickeln wir die Vision, unseren Künstlern ein umfassendes Serviceangebot zu bieten, neben Verlag und dem Label auch Management und Booking. Ich zweifle nicht daran, dass dieses Konzept die ACT Company auch über meine Zeit hinaus zukunftsfähig macht.

Wenn Sie aus der jüngeren Generation zwei oder drei Musiker nennen sollten, von denen Sie überzeugt sind, dass sie der Musik in den nächsten 20 Jahren ihren Stempel aufdrücken werden, welche wären das?

Der eine war der 2008 in noch jungem Alter tödlich verunglückte schwedische Pianist Esbjörn Svensson, der es mit der melodischen und rhythmischen Kraft seiner Musik und einer starken Bühnenpräsenz geschafft hat, den Jazz weit über seine Kern-Hörerschaft populär zu machen. Sein Einfluss wirkt bis heute nach – sogar bei Bands und Künstlern, die ihn vielleicht gar nicht kennen, einfach, weil er der Musik einen so markanten Stempel aufgedrückt hat. Und das wird er auch in Zukunft tun, da bin ich sicher. Der andere ist wahrscheinlich Michael Wollny, der eine ganze Generation deutscher und europäischer Musiker prägt, besonders mit seiner Fähigkeit, aus Musik aller nur denkbaren Richtungen, Epochen und Genres ein wirkliches Erlebnis zu machen. Was für alle prägenden Musikerpersönlichkeiten gilt: Die Musik ist das Wichtigste, aber um seiner Zeit seinen Stempel aufzudrücken, bedarf es neben dem außergewöhnlichen künstlerischen Talent auch eines unbedingten Willens und der Bereitschaft, ein Publikum  zu erreichen, dafür auch Entbehrungen auf sich zu nehmen und die Komfortzone zu verlassen.

Sie können nicht nur auf eine außergewöhnliche Karriere zurückblicken; Sie sind auch seit über 50 Jahren mit derselben Frau verheiratet. Sind Sie ein Glückskind?

Wenn man unter Glück versteht, dass jemandem etwas unverdient in den Schoß fällt, dann nicht. Wenn man darunter aber versteht, aus einer unerwartet glücklichen Situation etwas Sinnvolles zu machen, dann bin ich ein echtes Glückskind.

Das Gespräch führte Reinhold Unger.

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