Die Ahnen und ihre Enkel

von Redaktion

Das Münchner Festival Tanzwerkstatt Europa endet mit Werken von Jan Martens und Noé Soulier

VON MALVE GRADINGER

Fallen wir gleich mit der Tür ins Haus: Es ist ein recht merkwürdiges Stück, dieses Solo „lostmovements“ von Jan Martens, erstellt gemeinsam mit dem Tänzerchoreografen-Kollegen Marc Vanrunxt. Dem Tanzwerkstatt-Europa-Publikum in der Münchner Muffathalle hat es zum Abschluss des Festivals gefallen. Man will gar nicht leugnen, dass die Belgier, seit Jahren international auf Festivals unterwegs, nach Kräften gearbeitet haben. Zu Beginn flüstert Martens eine sehr lange Reihe von Namen berühmter beziehungsweise wegweisender Tanzschöpfer aus Klassik, Moderne und zeitgenössischer Bewegungskunst in ein Mikro. Das abschließende dreifache „thank you“ an diese Meister ist sicher legitim, fühlte sich hier dennoch unangemessen an.

Danach biegt und beugt Martens seinen Torso, schaufelt mit Armen Luft um sich herum. Und das oft. Er springt und dreht mit federndem „temps levé“ und mini „grand jeté“ über die Bühne, erstarrt schließlich im Zentrum eines auf den Boden projizierten Strahlenkranzes zum steil aufgerichteten Hohepriester des Tanzes. Alles in allem ein seltsames Stilgemisch, eine Zitaten-Choreo, eigen-imaginiert nach den titelgebenden „verlorenen Bewegungen“. Die Tanzgeschichte hat Martens mit seiner Namenslitanei umarmt. Da war es schwierig, jeweils eine mögliche Assoziation herauszu- knobeln. Am ehesten dachte man noch an das naturbegeisterte Hüpfen der Monte-Verità-Jünger der Ausdruckstanz-Ära  und  an die frühe US-Tanz-Ikone Ruth St. Denis, die sich mit mystisch-religiösen Themen beschäftigte. Unterlegt ist diese Huldigung an die Vorläufer vornehmlich mit düsteren Chor-Passagen aus Pendereckis „Polnischem Requiem“. Pathos ist damit unvermeidlich.

Ganz das Gegenteil evoziert „Portrait of Frédéric Tavernini“, das im kleinen Münchner HochX zu sehen war. In diesem für Tavernini entworfenen Solo spiegeln sich Tanzverständnis und Zielsetzung des Choreografen Noé Soulier. Der 33-Jährige, am Pariser Konservatorium und in Anne Teresa de Keersmaekers Brüsseler Schule ausgebildet, überdies qualifiziert mit einem Master-Diplom in Philosophie der Université de Paris, ist ein Bewegungs-Sezierer – ohne dabei in trockener Analyse stecken zu bleiben.

Und Tavernini mit seiner vielfältigen Tanz-Erfahrung in Werken von Maurice Béjart, Maguy Marin, Jirí Kylián und William Forsythe ist ein großartiges Instrument. Während der Mann am Klavier ihm ein paar Takte zuspielt, wandelt Tavernini sich selbst ständig zu neuen grafischen Zeichen: beide Arme parallel schräg ausgestreckt, dabei aber über Kreuz zu einem vorgezeigten Bein; der Arm als Abstandsanzeiger oder, zurückgebeugt auf die Schulter, als große Schlinge. Es ist durchgehend ein Abmessen, Richtungsanzeigen, ja eine fast illusionistische Verselbstständigung von Armen und Beinen in so vielen Bewegungsvariationen – bis der Performer schließlich auch in raumgreifende Ballettschritte und Pirouetten ausbricht. In Souliers Choreografie, intellektuell und doch sinnlich verspielt, fügen sich wie in einem Kaleidoskop bei jeder Drehung die Tanzelemente überraschend zu neuen Kombinationen.

Es hätte diesmal wegen der Corona-Pandemie eine rein digitale Tanzwerkstatt werden können. Veranstalter Walter Heun und sein Team hatten darum zweigleisig geplant. Dass diese 29. TWE doch live stattfinden konnte, abwechslungsreich auf den Bühnen und in den Workshops, diszipliniert und gemäß den Hygienevorgaben, das darf in die Münchner Tanzgeschichte eingehen.

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