Das Münchner Volkstheater haut munter Premiere auf Premiere ’raus, und als Zuschauer hat man das Gefühl, dass die – diesmal 140 – Corona-gebeutelten Mit-Zuschauer von Mal zu Mal begeisterter applaudieren. So schien das Team, das den „Bau“ nach Franz Kafkas letzter Erzählung (aus dem Nachlass veröffentlicht von Max Brod) gerade frisch auf die Bühne gezimmert hatte, selbst ein wenig erstaunt. Und strahlte entsprechend, zumal der beklemmende Text von Kafka (1883-1924) naturgemäß kein Wohlfühl-Stück ergeben kann, darüber hinaus sauschwer zu lesen ist und keinen Schluss hat.
Unerschrocken haben Regisseurin Mirjam Loibl und Dramaturgin Rose Reiter die Herausforderung angepackt und bravourös gemeistert – ohne das Werk in eine Interpretation zu zwängen. Sicher, beim Lesen wird man noch mehr von Kafkas Sprachgewalt bedrängt, umzingelt. Im Theater ist sie leichter zu ertragen, weil man nicht alleine ist. Schön, dass ein Bühnenspiel Schwerstes zeigen und zugleich Trost schenken kann.
Kafka hat’s mit Tieren: Er entwickelte die alte Form der Fabel – nicht nur in der Goethezeit gern satirisch genutzt – zu einer rasend modernen und zeitlosen Gestalt. Wird in „Die Verwandlung“ (1915) ein Mann zu einem Tier, einem Insekt, so passt sich in „Ein Bericht für eine Akademie“ (1917) das Tier, ein Affe, fast perfekt ins Menschsein ein. 1923/24 ist in „Der Bau“ das Tier ganz bei sich. Der Autor vermeidet, es definitiv zu benennen. Als fleißiger unterirdischer Baumeister, der auch über Tage aktiv ist, erinnert das „Tier“ an einen Dachs. Aber wie seit der Fabel üblich, interessiert Zoologie nicht wirklich; die Verhaltensforschung richtet sich vielmehr auf den Menschen. Kafkas frühere Werke legen jedoch nahe, dass er die Tier-Mensch-Schranke offen hält: Wir sind Tiere – nicht nur auf der metaphorischen Ebene. So oder so erkennen wir im „Tier“ unser positives Tun, unsere negativen Verhaltensmuster, unsere Grübeleien, unser Genießen, unsere Sorgen und Ängste sofort wieder. Das „Tier“ porträtiert die Menschheit als Jäger und Sammler, als sesshaft werdende Handwerker, Baumeister und sicherheitsbewusste Vorratshalter. Das „Tier“ ist neben vielem anderen als Allegorie der Todsünde „Geiz“ angelegt. Sein extrem selbstbezogenes Verhalten, das Vereinsamung nach sich zieht (niemandem vertrauen), führt letztlich in die Selbstvernichtung.
Thilo Ullrich hat für die Inszenierung eine Stele aus offenen und geschlossenen Quadern auf die Bühne gesetzt. Der Eindruck von bildender Kunst verstärkt sich noch, wenn die Schauspielergesichter darauf projiziert werden. Es entsteht eine kubistische Skulptur-Bild-Mischung, die sich je nach Licht (Björn Gerum) ausdehnt. Sie erweist sich obendrein als Symbol für einerseits kuschelige Eckchen, andererseits für einen engen Qual-Raum. Zum Leben erwacht das zweckmäßige Gebilde, das zum Glück keine Erdlöcher imitiert, durch das Ensemble Pola Jane O’Mara, Jan Meeno Jürgens und Steffen Link. Sie sind das „Tier“.
Im Bau fläzend oder flitzend sprechen sie den Kafka’schen Text gut, klar, auch mal chorisch und vor allem so, dass ihm jeder mühelos folgen kann. Der Kunstgriff dabei: Da Mirjam Loibl drei Personen einsetzt, verteilt sich vital und leicht erfassbar das Für-und-Wider, das das „Tier“ in seinem Bewusstseinsstrom pausenlos erwägt. Constantin John verstärkt diese Unsicherheitsatmosphäre im Sicherheits-„Bau“ mit seiner dafür komponierten Musik. Mit den darin integrierten Geräuschen tippt er Ängste oder Glücksgefühle an, ohne je aufdringlich zu werden.
Nach seinem Ausflug ins Freie wird die Panik im „Tier“ – woher kommt das leise Zischen im Bau? – immer schlimmer. Das Team formt die körperliche, geistige und seelische Ruhelosigkeit in einen Tanz um, gespeist aus dem schmerzhaften, stürzenden, verqueren, aneckenden Bewegungsrepertoire des modernen Tanztheaters. Jürgens, O’Mara und Link hängen sich da flink, gelenkig und beim Entkleiden mit Sinn fürs Skurrile rein, bis der Schweiß fließt; genauso überzeugend, wie sie die auf eine Stunde gekürzten Worte Franz Kafkas gestalten.
Nächste Vorstellungen
am 12., 19. August und 1. September; Karten: 089/523 46 55.