Klassiker mit neuem Drall

von Redaktion

PORTRÄT Das Münchner Trio Muddy What? und sein neues Album „Blues for you“

VON CHRISTOPH ULRICH

Blues ist naturgemäß eher die Sache leidgeprüfter Zeitgenossen. Gut, dass sich die Geschwister Ina und Fabian Spang sowie Michi Lang wenig um Konventionen scheren. Mit Inbrunst kümmern sie sich als Muddy What? um das Genre in all seinen Ausformungen, leben aber lieber positiv. Für sie ist es also eine völlig logische Angelegenheit, mitten in der konzertlosen Covid-Zeit ein Live-Album zu veröffentlichen.

Natürlich trifft die Corona-Krise das Münchner New-Blues-Trio. Von einem Tag auf den anderen mussten sie an die 30 Termine aus dem umfangreichen Tourkalender streichen. Für jemanden, der im Jahr zwischen 50 und 100 Konzerte gibt, eine unangenehme Lage – auch finanziell. „Wir sind in der komfortablen Situation, dass wir nicht nur von der Musik leben und können den Ausfall bislang ganz gut abfedern“, sagt der 33-jährige Sänger und Gitarrist, der mit seiner ein Jahr jüngeren Schwester Ina in einer Wohngemeinschaft lebt.

Wie ihr Bandkollege Michi Lang haben die Geschwister ihr Leben von Anfang an so entworfen, dass gelernter Beruf und Musik einen festen Stellenwert im Alltag einnehmen können. Die Geschwister haben Film studiert mit unterschiedlichen Schwerpunkten: Fabian Spang nahm Kamera in den Fokus, Ina Regie und setzte noch literarisches Schreiben drauf. Während Lang auf Teilzeit-Basis in einem Architekturbüro arbeitet, ist Fabian Spang freiberuflich in der Postproduktion tätig. Ina Spang trifft die Krise am härtesten und ist dankbar über das Hilfsprogramm des Freistaats für freischaffende Künstlerinnen und Künstler.

Die vielfältig begabte Musikerin, Kinderbuchautorin, Illustratorin und Regisseurin ist das Herz von Muddy What?. Werbung, CD-Cover, der Internet-Auftritt und der Online-Shop (zu dem auch eine Schmuck-Kollektion aus gespielten Gitarrensaiten gehört) tragen ihre Handschrift. „Hauptsächlich kümmere ich mich aber um Buchungen, Pressearbeit und Werbung, sodass die Buben am Donnerstag nur noch ins Auto steigen und zum Gig fahren brauchen“, feixt sie in die Runde. Für schlechte Stimmung, das wird schnell klar, ist im Muddy What?-Hauptquartier selbst in Krisenzeiten kein Platz. Entsprechend nahmen sie die schwere Situation leicht und wandten sich mit voller Kraft der Produktion ihrer dritten Platte zu: „Blues for you“, dem ersten Live-Album.

Die Aufnahmen dafür waren bereits im Kasten: „Blues for you“ speist sich aus zwei mitgeschnittenen Konzerten vom Februar und erscheint wie die beiden Studio-Alben „Gone from Mississippi (2018) und „Dancing in ihe Halls“ (2019) bei der hauseigenen Plattenfirma Howlin’ Who Records. Zunächst ist es digital und als Digipack-CD erhältlich, demnächst soll auch eine limitierte Auflage auf Doppel-Vinyl erscheinen.

„Wir machen das hauptsächlich, weil wir Vinyl selber cool finden“, sagt Fabian Spang, „aber würden es auch nicht machen, wenn wir nicht schon oft danach gefragt worden wären“. Die glücklichen Gesichter von Vinyl-Fans seien die vergleichsweise hohen Produktionskosten allemal wert, meint Ina Spang. Das habe die entsprechende Edition von „Dancing in the Halls“ gezeigt.

Der auf zehn Stücke komprimierte Konzertabend zeigt auf dem aktuellen Album wunderbar, wie die Band tickt. Blues-, Folk- und Rock-Klassiker machen sie sich zu eigen und interpretieren sie frei im eigenen Stil, sodass sie sich nahtlos an die eigenen Stücke fügen. Den Münchnern würde im Traum nicht einfallen, einen Blues-Evergreen sklavisch wiederzukäuen. Lieber geben sie ihm einen neuen Drall und bereichern so die Vorlage.

Dieser Stil wird nicht nur von der Münchner Bluesszene und ihren Haudegen wie Nick Woodland oder Dr. Will goutiert, sondern beeindruckte auch die Jury der „German Blues Challenge“. Sie setzt sich aus Journalisten, Musikern und Veranstaltern zusammen und nominiert jedes Jahr Bands und Einzelkünstler für den Bewerb. Ausgerichtet vom Verein „Baltic Blues“ in schleswig-holsteinischen Eutin, ermittelt er normalerweise durch ein Festival die Gewinner. Heuer wurde er erstmals über eine Publikums-Abstimmung entschieden. Dass die Gewinner Muddy What? aus München hießen, zeigt, dass ihr „New Blues“ jede Menge treuer Fans und somit Zukunft hat.

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