Satire, Rassismus und vorauseilender Gehorsam

von Redaktion

Hamburgs Literaturfestival Harbourfront sagt ihr mal ab, mal zu – Lisa Eckhart äußert sich erstmals

VON MATTHIAS RÖDER

Als sich der Sturm zusammenbraute, war sie in Kroatien. Handy aus. Bei der Rückfahrt stellte sie es wieder an. „Ich glaube, es summt heute noch“, erzählt Lisa Eckhart den rund 250 Besuchern im Wiener Stadtsaal. Der Auftritt ist ihr Comeback nach mehrmonatiger Pause wegen der Coronakrise. Er fällt zusammen mit einem viel diskutierten Vorgang: Der Ausladung der 27-jährigen österreichischen Kabarettistin durch die Veranstalter des Hamburger Literaturfestivals Harbourfront wegen (plötzlich wieder zurückgenommener) Sicherheitsbedenken im Falle ihres Auftritts (wir berichteten). Auch eine später doch ausgesprochene Einladung konnte die Situation nicht mehr retten.

Kritiker werfen der Kabarettistin vor, rassistische und antisemitische Klischees zu bedienen. Das lässt die junge Frau nicht gelten: „Es gibt teilweise ein boshaftes Missverstehen“, sagte Eckhart dazu in Wien. Sie prangert einen verbreiteten Reflex an, auf bestimmte Reizworte zu reagieren. „Wie geht man mit Antisemitismus und Rassismus um? Erhebt man sie zum Tabu oder degradiert man sie zum Witz? Ich bin immer auf der Seite des Humors“, so Eckhart. Wenn man ihre Auftritte genau anschaue, trieften sie fast schon beschämend vor Humanismus und Feminismus. „Wenn mich jemand entlarven will, dann sieht er das.“ Aber natürlich verpacke sie ihre Botschaft nicht ganz so plump, sagte die 27-Jährige.

Eckhart, deren Debütroman „Omama“ nächste Woche erscheint, war wegen Sicherheitsbedenken vom Hamburger Literaturfestival, bei dem sie neben anderen Debütanten lesen sollte, ausgeladen worden. Pen-Präsidentin Regula Venske hatte die Absage scharf kritisiert. „Ob die Gewalt von rechten oder linken Extremisten, von religiösen Eiferern oder Psychopathen angedroht wird: Wir dürfen uns ihr nicht in vorauseilendem Gehorsam beugen“, so Venske.

Die Kabarettistin würde es begrüßen, wenn ihr Fall eine größere Debatte anstieße. Die Kultur sei von rechts und links unter Beschuss. Viele Menschen könnten offenbar mit Kunst, die herausfordere, die Sicherheiten und „erleuchtete Sittlichkeit“ infrage stelle, nicht mehr umgehen. „Warum wird auf dem Rücken der Kultur eine politische Korrektheit ausgetragen, die in der Politik ihren Platz hätte?“ Während im Politischen die Grenzen des Sagbaren ausgeweitet würden, würden sie in der Kunst immer mehr beschränkt. Satire werde immer schwieriger in einer Gesellschaft, die sehr darauf bedacht sei, Schmerzen und Kränkungen auszuradieren. „Eine Gesellschaft,  die  keinen Sinn mehr im Schmerz sieht, hat naturgemäß ein Problem mit Satire.“

Die jüngste Debatte werde keine Konsequenzen für ihre Arbeit haben, meinte Eckhart. „Ich genieße Narrenfreiheit. Die gilt aber nur auf der Bühne.“ Sie sei grundsätzlich für einen respektvollen Umgang.

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