Manchmal braucht Liebe Zeit, um zu wachsen. Und manchmal trifft sie uns auf den ersten Blick, aber die Zeit passt nicht dazu. So wie bei Götz und Dagmar, die 50 Jahre darauf warten müssen, bis sie endlich zusammensein dürfen. Sie sind die Protagonisten im neuen Roman „Liebe machen“ des Münchner Autors, Schauspielers und Kabarettisten Moses Wolff. Darin steckt jede Menge Herz – und ganz viel deutsche Historie, speziell Musikgeschichte.
Alles beginnt 1970: „Da war hierzulande so ein Gefühl des Aufbruchs“, erklärt Wolff, selbst Jahrgang 1969, seine Faszination für dieses Jahrzehnt. „Junge Menschen wollten Veränderungen, Reformen, eine andere Moral. Es war die Zeit der ersten Hausbesetzung in Hamburg, der Studentenunruhen. Und: Ich wollte immer mal über Rio Reiser schreiben, den ich persönlich sehr mochte.“ Auf dem Festival der Liebe vor 50 Jahren, das vom 4. bis 6. September 1970 auf der Ostsee-Insel Fehmarn stattfand, kommt alles zusammen: junge Leute, die von einem deutschen Woodstock samt freier Liebe träumen (Beate Uhse sponserte das Event), Jimi Hendrix, der sein letztes Festivalkonzert vor seinem Tod spielen wird, unkonventionelles Gedankengut, formuliert in schrägen, provokanten Texten. Und Reiser, der mit den Ton Steine Scherben das erste Rockkonzert ablieferte.
Mit liebevollem Sinn fürs Detail und die damalige Sprache beschreibt Wolff die Szenen, für die er aufwendig in Archiven recherchierte, sich Dokus ansah, Originaldokumente studierte sowie Leute suchte und traf, die damals dabei waren. Das Festival wurde ein Desaster – wegen des Wetters, aber vor allem mangelnder Organisation. Anwesend sind auch Götz aus Hamburg und Dagmar aus Köln, beide 20; sie begegnen sich aber noch nicht bewusst. Das geschieht drei Wochen später am ersten Tag des Oktoberfests, am 19. September 1970, unter den Augen der Bavaria. Götz und Dagmar sehen sich kurz, aber intensiv in die Augen – und verlieren sich sogleich wieder. Was bleibt, ist seine Erinnerung an „die Fee“, sie träumt von ihrem „Sternenprinzen“. Im Jahr darauf eine zweite, erneut zufällige Begegnung zum Oktoberfestbeginn, diesmal ein Kuss und das Versprechen, sich im Jahr darauf zur selben Zeit wiederzutreffen. Es kommt nicht dazu. Vergessen können beide einander nie. Derweil erleben wir fünf Jahrzehnte Geschichte mit, die persönliche von Götz und Dagmar, deren Wege sich unbemerkt immer wieder kreuzen, und die große: von Helmut Schmidts Wahl, über den Mauerfall, die erste Love Parade in Berlin, Michael Jacksons Aufstieg und Fall. Ein temporeiches Lesevergnügen.
Griechen begegnet man immer wieder im Buch. Warum eigentlich? „Das ist mein Lieblingsvolk – neben den Bayern natürlich“, lacht Wolff. „Ich habe noch nie einen Griechen getroffen, den ich nicht mochte.“ Jetzt, am 19. September, wäre eigentlich wieder Wiesn-Auftakt gewesen. Wolff lässt in seinem Liebesmärchen Götz und Dagmar, inzwischen 70-jährig, in München endgültig zueinanderfinden. Aber was heißt hier Märchen? „So etwas ist möglich“, glaubt er. Aber Corona ist ein mieser Verräter? Denn schließlich vermasselt das Virus diesem launigen Liebesroman gehörig das Ende; das Oktoberfest wird ja heuer nicht stattfinden. Wolff gibt zu: „Ehrlich, am Anfang war die Absage ein Schock. Dann wollte ich das Ende aber so lassen. Es passt zur Energie der Geschichte – und ich liebe sie doch so, meine Wiesn.“
Moses Wolff:
„Liebe machen“. Piper, München, 288 S.; 10 Euro.