Über Jahrzehnte war Mario Adorf der Deutschen favorisierter Bösewicht, was natürlich ein Witz ist. Denn jeder, der das große Glück hatte, ihn ein wenig kennenzulernen, weiß, dass Adorf der liebenswerteste, freundlichste und höflichste Mensch ist, den man sich vorstellen kann. Und wenn der Mann seit Jahrzehnten der beliebteste (und bestbezahlte) Schauspieler dieses Landes ist, muss man sagen: völlig zu Recht. Er ist das außerordentlich seltene Exemplar eines großen Könners, der auch ein angenehmer Mensch ist. Diventum, Allüren, Großmannssucht sind ihm völlig fremd, und das ist in der Welt, in der sich Adorf seit bald sieben Dekaden bewegt, durchaus bemerkenswert. Deswegen wird es auch zum 90. Geburtstag heute kein großes Gedöns geben, das hat sich der Mann schon bei den vergangenen runden Geburtstagen verbeten. Wie jeder Schauspieler braucht er zwar das Licht und den Applaus – aber eben für das, was er tut. Nicht für die Tatsache, Mario Adorf zu sein. Er arbeitet lieber, als sich feiern zu lassen.
Klingt sehr preußisch, aber laut Adorf ist das sein italienisches Erbe – die Italiener seien in Wahrheit sehr diszipliniert, auch und gerade beim Genießen. Dabei hat Adorf seinen italienischen Vater nie richtig kennengelernt: Er wächst als uneheliches Kind mit seiner deutschen Mutter in der Eifel in sehr einfachen Verhältnissen auf. Erste Entertainment-Qualitäten beweist er nach eigenen Angaben in Luftschutzkellern, als er bei nächtlichen Bombardements singt, um sich selber aufzuheitern – die anderen im Keller freilich auch, das fällt dem jungen Mario durchaus auf.
Nach Kriegsende lernt er zunächst Boxen, damit ihm Halbstarke auf der Straße nicht mehr die Eier und Kartoffeln abnehmen können. Daneben jobbt er auf dem Bau und beginnt ein bisschen zu studieren, bis er sich dann doch entschließt, sich auf der Otto-Falckenberg-Schule in München für eine Schauspielausbildung zu bewerben – auf Probe. Kammerspiele-Intendant Hans Schweikart erklärt Adorf, er sei eigentlich nicht gut, aber ihm gefalle seine Kraft und Naivität.
Noch als Schauspielschüler beeindruckt Adorf 1954 erstmals das Kinopublikum. Als Gefreiter Wagner stiehlt er in „08/15“ dem Star-Ensemble ein wenig die Schau, 1957 landet er als irrer Mörder in „Nachts, wenn der Teufel kam“ einen Sensationserfolg. Als er im ersten „Winnetou“ die Schwester des Helden erschießt, ist Adorf Deutschlands meistgehasster Mann – und ein Star. Er nutzt seine Chancen und wählt seine Projekte geschickt. Der Vielsprachige ergattert bald Rollen in französischen und italienischen Filmen, landet mit „Sierra Charriba“ 1965 sogar in Hollywood. Da will er aber nicht bleiben und „immer nur den mexikanischen Banditen“ spielen, in Europa hat er schließlich schon einen Namen.
Aber die Professionalität der US-Amerikaner gefällt Adorf. Co-Star Charlton Heston sprintet wegen Durchfallattacken immer wieder zum Klo, dreht dennoch alle Szenen zu Ende. „The Job has to be done“, sagt Heston. Die Arbeit muss gemacht werden, so sieht das Adorf auch.
Als in Deutschland die Jungfilmer „Opas Kino“ wegfegen, arbeitet Adorf eben mit denen und verzichtet dafür auf seine üblichen Gagen. Dafür wirkt er in Meilensteinen des Neuen Deutschen Films mit, in Schlöndorffs „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ und „Die Blechtrommel“ oder in „Lola“ von Regie-Berserker Rainer Werner Fassbinder, der nichts von Vorbereitung hält. Adorf streitet nicht, sondern probt heimlich nachts mit Partnerin Barbara Sukowa.
Adorf mag keine Konflikte – wenn ihm etwas nicht zusagt, macht er es einfach nicht. Das könnte das Geheimnis seines Erfolgs sein. Später, als dem Neuen Deutschen Film die Puste ausgeht, wechselt er geschmeidig zum Fernsehen, aber selbstredend taucht er nur in Edelproduktionen auf. „Der große Bellheim“, „Allein gegen die Mafia“, diese Sachen. Und – natürlich in „Kir Royal“ mit dem wohl berühmtesten Monolog der deutschen TV-Geschichte. Adorf kann „Ich scheiß’ dich zu mit meinem Geld“ noch heute fehlerfrei aufsagen, wie er überhaupt ein beängstigend gutes Gedächtnis hat. Und trotz seiner legendären Verbindlichkeit hat er eine sehr klare Haltung. Adorf, der sein Leben lang zwischen Frankreich, der Heimat seiner Frau, Italien und Deutschland gependelt ist, hat wenig für engstirnigen Nationalismus und Menschenfeindlichkeit übrig. Angesichts der aktuellen Entwicklungen neigt er zu Kulturpessimismus.
Heute wird Mario Adorf, fantastischer Schauspieler, begnadeter Geschichtenerzähler, leidenschaftlicher Sänger, Sprachtalent, Gedächtniswunder und nettester Bösewicht der Kinohistorie, 90 Jahre alt. Auf Bühnen stehen will er nicht mehr. Aber arbeiten wird er weiter. „Solange es geht, spielt man eben noch“, hat er unserer Zeitung mal gesagt. Möge es noch sehr lange gehen.