Es war immer ein hintersinniger Humor, der die Filme Jiři Menzels auszeichnete. Als Fahrdienstleiter Hubicka in der Oscar-gekrönten Komödie „Liebe nach Fahrplan“ einer jungen Frau seinen Eisenbahnerstempel auf den Po drückte, war das eine kleine Provokation in einer prüden Gesellschaft – und wurde in der sozialistischen Tschechoslowakei auch als Anklage der allgegenwärtigen Bürokratie gelesen. Wie erst jetzt bekannt wurde, ist der Theater- und Filmregisseur bereits am Samstagabend mit 82 Jahren gestorben.
Als Menzel für diese Tragikomödie über das Leben auf einer kleinen Bahnstation während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg 1968 einen Oscar entgegennahm, war er gerade mal 30. Doch damals zählte er bereits zu den Hauptprotagonisten der Neuen Welle des tschechoslowakischen Films. Sie zeichnete sich durch Experimentierfreude aus: Improvisierte Dialoge, schwarzer Humor, Laienschauspieler und die Entlarvung der Scheinmoral – so grenzten sich die Künstler vom sozialistischen Aufbaufilm ab.
Doch nach dem Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in die Tschechoslowakei im August 1968 und der Niederschlagung der Demokratiebewegung war zunächst Schluss mit der Freiheit. Das bekam auch Menzel persönlich zu spüren. Sein 1969 fertiggestellter Film „Lerchen am Faden“ landete für die nächsten 20 Jahre im Tresor. Zu weit ging den Machthabern die Kritik an den Zuständen im Land.
Menzel, Sohn eines Kinderbuchautors, hatte sich seit der Jugend für Literatur und Theater interessiert. Sein Lehrer an der berühmten Prager Filmhochschule FAMU war Otakar Vavra, Meister des Historienfilms. Später unterrichtet Menzel dort selbst. Aus einem seiner letzten Interviews war jedoch ein gewisser Frust herauszuhören. „Die Filme, die wir in den Sechzigerjahren gemacht haben, sind passé. Das Publikum hat sich verändert, und ich kann dem nicht mehr ganz folgen.“
Seine Liebe zu Frauen war ein Markenzeichen seiner Arbeiten. Doch im richtigen Leben habe ihm das Selbstvertrauen gefehlt: „Ich hatte immer Angst vor den Mädchen – ich mochte sie, aber sie haben sich über mich lustig gemacht.“ Die Stempelszene aus dem melancholischem Meisterwerk „Liebe nach Fahrplan“ wäre damals übrigens fast der Zensur zum Opfer gefallen. „Sie müssen das rausschneiden“, habe man ihm gesagt, erinnerte sich Menzel. Er habe den Direktor des sozialistischen Studios überreden müssen, eine Probevorführung vor Arbeitern zu veranstalten: „Alle haben gerufen, dass die Szene drinbleiben müsse.“