Ruhe bitte!

von Redaktion

PREMIERENKRITIK  Noam Brusilovskys „Gehörlosen-Hörspiel“ im Volkstheater

VON ALEXANDER ALTMANN

Ist das jetzt eher Zen-Buddhismus oder doch ein Dada-Jux? Der Titel der Performance, die da am Münchner Volkstheater uraufgeführt wurde, hat von beidem etwas. Er lautet nämlich „Gehörlosen-Hörspiel“ – und ist in seiner wunderbaren Paradoxie vielleicht sogar das Beste  an dem ganzen Projekt,  das sich Regisseur Noam Brusilovsky ausdachte, nachdem er den gehörlosen Fotografen Steve Stymest kennengelernt hatte.

So steht Stymest also zusammen mit zwei Hörenden, dem Schauspieler Steffen Link und der Sound-Künstlerin Antonia Alessia Virginia, auf der Bühne, die mit riesigem Mischpult hinter der Glaswand einem Tonstudio nachempfunden ist: Ganz stilecht leuchtet ein kleines Kästchen mit der roten Schrift „Bitte Ruhe“ über der Szenerie – und gibt das Motto des Abends vor. Denn schon der Beginn besteht erst mal aus Stille. Nachdem die Saaltüren geschlossen sind, sitzt das Publikum da, schaut minutenlang auf die leere Bühne und hört: nichts.

Klar, wir sollen uns ein bisschen einfühlen, einstimmen quasi in die Wahrnehmungsweise eines Gehörlosen, die man ja nicht mal „vom Hörensagen“ kennt, sondern sich nur vage imaginieren kann. Aber bald merkt man, dass es da doch etwas zu hören gibt. Das leise Rauschen der Klimaanlage, die noch nie zuvor im Volkstheater zu hören war, aber bestimmt schon immer funktionierte. Das erinnert fast an John Cages berühmtes Stück „Vier Minuten dreiunddreißig“, in dem kein einziger Ton erklingt, weshalb andere Geräusche ins Bewusstsein treten. Beim „Gehörlosen-Hörspiel“ wird jetzt zusätzlich erahnbar, dass die Stille, die Hörende wahrnehmen – und die im Theater nur durch ein Geräusch, das einsame Ticken einer Uhr etwa, hergestellt werden kann –, etwas anderes ist als die völlige Klanglosigkeit, die Taube erfahren.

Dass es für Gehörlose allerdings die Möglichkeit gibt, Klänge, wenn sie nur laut genug sind, als körperliche Vibration wahrzunehmen, verdeutlicht eine Szene, bei der zu flackerndem Licht heftige Techno-Beats durchs Theater wummern.

Weil diese Aufführung also eher ein Nachdenk- als ein Hörspiel darstellt, scheitert sie zwar an ihrem Anspruch – aber auf eine sehr treffende und  schöne  Weise.  Sicher, es gibt langweilige Passagen in dem achtzigminütigen, rhythmisch noch etwas unrunden Abend, doch es gibt auch anrührende Momente und Szenen von zart flirrender Komik. Speziell wenn die drei jungen Akteure ihre noch nicht gar so umfangreichen Lebensgeschichten erzählen, die eigentlich schon der ganze Stoff des Stücks sind. Wobei auch die Erzählung in aller Stille geschieht, in Gebärdensprache nämlich, während das Publikum deren Übersetzung als projizierten Text mitliest. So berichtet Steffen Link die wahre oder gut erfundene Episode, wie er nach einem Vorsprechen am Theater eine Zusage bekam, weil man ihn mit dem ebenfalls existierenden Schauspieler Steffen Wink verwechselt hatte. Steve Stymest wiederum erzählt von dem kleinen Radio in seiner Küche: „Manchmal schalte ich es ein, fasse den Lautsprecher an und frage mich, was gerade läuft.“ Erfreulich jedenfalls, dass diese schon für März geplante Premiere jetzt nachgeholt wurde. Es wäre doch zu schade gewesen, sie einfach wegfallen zu lassen, sang- und klanglos sozusagen. Herzlicher Applaus.

Nächste Aufführungen

am 16. September und 9. Oktober; Karten unter 089/ 523 46 55 oder muenchner-volkstheater.muenchenticket.net.

Es werden drei Lebensgeschichten lautlos erzählt

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