Karl Horst Hödicke war nie wie alle anderen und stand stets für sich. „Die Malerei revolutionieren und aus der Sackgasse herausholen“ wollte der Künstler früher einmal, wie er im vergangenen Sommer anlässlich der Ausstellungseröffnung in der Pinakothek der Moderne selbstironisch erzählte. Dort ließ sich das extrem vielseitige Schaffen schon in seinen frühen Jahren gut nachvollziehen – anhand zahlreicher großformatiger Gemälde, vieler Zeichnungen und einiger Skulpturen.
Das umfassende Werk des mittlerweile 82-Jährigen sprengt längst jede Grenze. Die gefürchteten Sackgassen taten sich für ihn niemals auf, scheint es. Neben Georg Baselitz, Jörg Immendorff, Sigmar Polke und Gerhard Richter zählt K.H. Hödicke seit Langem zu den wichtigsten Vertretern der deutschen Nachkriegsmalerei. Man sieht ihn als einen Wegbereiter des deutschen Neoexpressionismus an. Vor allem aber ist er im Gegensatz zu seinen Kollegen der Nachkriegsavantgarde seit den späten Fünfzigern ein passionierter Großstadtmaler.
1957 zog der gebürtige Nürnberger mit seiner Familie nach Berlin, wo er von 1959 bis 1964 an der TU Architektur studierte, bald jedoch an die Hochschule der Künste und zur Malerei wechselte. Bis heute lebt Hödicke dort, nur wenige Aufenthalte in New York oder Rom unterbrachen seine Berlin-Zeit. „Wichtige Jahre der Kindheit und Jugend“ habe er jedoch in München verbracht, bekannte Hödicke. Der Farbenrausch der Künstlergruppe „Blauer Reiter“ beeindruckte ihn bei seinen vielen Besuchen im Lenbachhaus. „Daneben begeisterte ich mich auch für die malerische Freiheit der Alten Meister in der Pinakothek. Die Erfahrungen aus München haben mein eigenes künstlerisches Schaffen begleitet“, sagt er.
Daher beglückte Hödicke nun die Pinakothek der Moderne und das Museum Brandhorst jeweils mit einer Schenkung, quasi als Wertschätzung des Kunststandorts München. Die Sammlung Moderne Kunst in der Pinakothek der Moderne erhielt das fünfteilige Werk „Jäger und Gejagter im deutschen Wald“ von 1972. Das monumentale Gemälde, auf zerschnittener Militärplane in dunkelgrün-braunen-Tarnfarben aufgetragen, zählt zu Hödickes Hauptwerken und vereint alles, was den Künstler auszeichnet: seinen staubtrockenen Witz und eine tiefe Ernsthaftigkeit ebenso wie seine Nähe zum Abstrakten Expressionismus. Bernhard Maaz, Generaldirektor der Staatsgemäldesammlungen, freut sich besonders über diese Schenkung, da sie perfekt in eine Reihe von Werken über „Krieg und Kampf als Lebens- und Leidenserfahrungen“ passe.
Sobald der gegenwärtige Lockdown endet, lohnt aber auch ein Weg ins Museum Brandhorst, das von Hödicke gleich mit sechs Gemälden bedacht wurde, die dann in der Ausstellung „Spot On: German Pop“ hängen werden. Darunter befindet sich beispielsweise das 1964 entstandene Berlin-Bild „U-Bahn“, inspiriert durch seine täglichen Spaziergänge durch die Stadt und von den vielfältigen Eindrücken rund um Kurfürstendamm und Savignyplatz.
Die Arbeit ist ein Schlüsselwerk Hödickes, weil es seine endgültige Abkehr vom Versuch eines abstrakten Malens darstellt. Stattdessen markiert es, versehen mit Alu- und Glanzpapier, den „verzweifelten Versuch, gegenständlich zu werden“. Was ihm mit den später datierten Werken der Schenkung, vom grünlich-kalt schimmernden Eiswürfel in „Ice Cubes“ bis zum Blick auf den schmalen Lichtstreifen, den die „Grünen Gardinen“ (1969) noch zulassen, oder dem grauweißen, schneeverhangenen „Himmel über Schöneberg“ (1973) dann bereits meisterhaft gelang.
Auf den ersten Blick muten die Kompositionen abstrakt an. Erst beim zweiten und dritten treten die Konturen der Gegenstände und der sanfte Farbverlauf hervor. Kraftvoll, beschwingt und ungewöhnlich heiter erscheint Hödickes Pinselstrich in „Miller High Life (1973) oder „Karfunkelstein“ (ebenfalls 1973). Fast schon zurückgenommen in seiner lakonisch-humorvollen Aussage wirkt dagegen „Die Ampel steht auf Rot (Rote Pfütze)“ aus dem Jahr 1974, in das sich bei längerer Betrachtung, wie sie ab Dezember hoffentlich wieder möglich sein wird, immer mehr Aussage hineinlesen lässt.