Noch immer unter Strom

von Redaktion

Angus Young über das neue AC/DC-Album, seinen Bruder und Rock-Balladen

Seit fast 50 Jahren steht die australische Band AC/DC für kernigen Hardrock und Gitarrenriffs mit Ohrwurmqualität. Nach dem Tod von Bandgründer und Rhythmusgitarrist Malcolm Young (1953-2017) war es still um die Gruppe geworden – nun erscheint mit „Power up“ das 17. AC/DC-Studioalbum (Kritik siehe unten). Wir sprachen mit Leadgitarrist Angus Young, Jahrgang 1955, über seinen Bruder, die neue Platte und die Vorteile des Kleinseins.

Viele Menschen waren überrascht, dass AC/DC ein neues Album herausbringen. Hatten Sie über einen Abschied nachgedacht?

Nein, das ist mir nie in den Sinn gekommen. Nach dem Ende der „Rock or Bust“-Tournee hab’ ich eine kleine Pause gemacht. Dann bin ich haufenweise Songs durchgegangen, die mein Bruder Malcolm und ich über die Jahre angesammelt hatten. Vor allem die Ideen, an denen wir gemeinsam gearbeitet haben, wollte ich veröffentlichen.

„Power up“ wurde schon 2018/2019 aufgenommen. Hatte die Pandemie trotzdem Auswirkungen auf Ihre Pläne?

Wir waren schon im Proberaum und haben viele Songs live gespielt, auch einige von den neuen. Wir hatten uns eigentlich darauf vorbereitet, ein paar Konzerte zu geben und das Album früher rauszubringen. Dann haben wir eine kurze Pause gemacht, und in dieser kurzen Pause brach das Virus aus.

„Power up“ wirkt dynamischer als die jüngsten AC/DC-Platten – man denke nur an die Nummer „Demon Fire“. Woran liegt das?

Ich plane so was nicht, das passiert einfach. Das war ein Gitarrenriff, an dem Malcolm und ich zusammen gearbeitet haben. Wir wollen Stücke aufnehmen, die echte AC/DC-Songs sind. Wenn du das Lied zum ersten Mal hörst, denkst du: Das ist AC/DC.

Vor 40 Jahren erschien das bislang erfolgreichste AC/DC-Album „Back in Black“. Es war das erste mit Sänger Brian Johnson, dessen Vorgänger Bon Scott kurz zuvor gestorben war. Wie optimistisch waren Sie damals, dass es mit dem Neuen klappen könnte?

Ich hatte keine Ahnung. Die Welt kannte AC/DC mit Bon als Frontmann. Wir waren uns nicht sicher, ob die Leute Brian akzeptieren würden. Wir wussten aber, dass unsere Songs gut waren. Wir haben gedacht: Brian ist nicht derselbe Typ wie Bon. Also müssen wir dafür sorgen, dass seine Persönlichkeit in der Musik durchkommt, und wir hatten Stücke, mit denen das funktionierte. Ich glaube, viele Menschen waren auch einfach froh, dass die Band weitergemacht hat.

Trotzdem gab es Mitte der Achtzigerjahre einen Karriereknick …

Vielleicht hatten wir es etwas ausgereizt. Aber als wir nach einer Pause zurückkamen (im Jahr 1990 mit der Platte „Razor’s Edge“; Anm. d. Red.), waren die Leute auf einmal glücklich, uns wiederzusehen. Das ist schwer zu erklären. Wir hatten einige Schicksalsschläge in unserer Karriere, aber wir können uns glücklich schätzen, dass wir so lange überlebt haben.

Was ist das Rezept für den derart langen Erfolg?

Keine Ahnung. (Lacht.) Hätte ich das damals bloß gewusst! Wenn man am Anfang seiner Karriere steht, dann ist es ein langer Weg – wie es in unserem Song heißt: „It’s a long Way to the Top (If You wanna Rock’n’Roll)“. Es dauert viele Jahre. Wir haben es geschafft, uns treu zu bleiben. Wir haben uns nie darum gekümmert, was gerade Mode war. So machen wir auch weiter.

Warum haben Sie eigentlich nie – wie andere Rockbands auch – eine Ballade aufgenommen?

Weil alle anderen schon so viele Balladen geschrieben haben, dass das Genre abgedeckt ist. Ich war immer der Meinung, dass wir keine weitere bräuchten. (Lacht.)

Haben Sie heute noch so viel Spaß an der Musik wie früher?

Oh ja! Heute sogar noch viel mehr. Das Schöne für uns war schon immer, dass neue Generationen nachkommen. Im Publikum sind immer Menschen, die uns zum ersten Mal sehen. Und hoffentlich können wir sie begeistern.

Nach jeder Tournee verschwinden Sie aus der Öffentlichkeit. Wie schaffen Sie das in Zeiten von Smartphones und den Sozialen Netzwerken?

Wenn wir Pause machen, erholen sich alle. Das war schon immer so. Wir sind alle sehr zurückhaltende Menschen und gehen nicht auf viele Veranstaltungen. Die Leute haben heute alle ein Telefon mit Kamera, aber Sie wären überrascht – ich kann immer noch unbehelligt rausgehen. Glücklicherweise bin ich nicht so groß (1,58 Meter; Anm. d. Red.). Wenn viele Leute auf der Straße sind, kann ich einfach vorbeigehen. Keiner guckt nach unten, um zu sehen, wer da neben seinen Füßen rumläuft.

Das Gespräch führte Philip Dethlefs.

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