Auf den Spuren der Beatles

von Redaktion

Auf ihrem neuen Album interpretieren die Toten Hosen Musik aus dem Liverpool der Sechziger

VON FRANZISKA KONRAD

Die Beatles und die Toten Hosen? Im ersten Augenblick dürfte das selbst beim hart gesottensten Fan für verwirrtes Kopfschütteln sorgen. Dass dieser Gedanke jedoch ganz und gar nicht absurd ist – und sogar noch gut klingt –, das beweist das neue Album der fünf Düsseldorfer Punkrocker. Denn die Toten Hosen wären schließlich nicht die Toten Hosen, wenn sie nach fast 40 Jahren nicht immer noch für Überraschungen gut wären. Heute erscheint der dritte Teil ihrer englischsprachigen Coveralben. „Learning English Lesson 3: Mersey Beat! The Sound of Liverpool“ heißt das gute Stück. Zu Deutsch: „Englisch-Lern-Stunde Nummer 3, Mersey Beat, der Sound von Liverpool“.

In einem wichtigen Punkt unterscheidet sich die Platte von ihren beiden Vorgängern: Während sich die ersten zwei Teile (erschienen 1991 und 2017) ausgiebig mit den Anfängen des Punkrocks beschäftigten, geht es nun ein ganzes Stück weiter zurück – in die erste Hälfte der Sechzigerjahre. Genauer gesagt ins Liverpool der Mersey- Sound-Ära. Diese Stilrichtung entwickelte sich Ende der Fünfziger in der englischen Hafenstadt als Jugendkultur.

Die Beziehung des Albums zu Liverpool kommt übrigens nicht von ungefähr. Im Oktober erschien mit „Hope Street: Wie ich einmal englischer Meister wurde“ Campinos erstes Buch. Es handelt von seiner Liebe zu England und dem FC Liverpool (wir berichteten). Bei seiner Recherche studierte der Künstler auch Liverpools Historie und die dortige Musikszene. Mit seiner Begeisterung für diesen Sound steckte er nach und nach die gesamte Band an. Herausgekommen ist ein Album mit 15 Coversongs, darunter Raritäten von The Searchers, Gerry and the Pacemakers, Rory Storm and the Hurricanes und The Swinging Blue Jeans. Die Auswahl der Titel hatte für die Hosen nur ein einziges, zwingendes Kriterium: Jeder musste von einer Liverpooler Band Anfang der Sechzigerjahre stammen.

Behutsam übertragen die Punkrocker die raue Energie dieser Ära in die Gegenwart. Kernige Gitarrenriffs, ein bisschen Swing, ein bisschen Rock’n’Roll lassen längst vergangene Zeiten auferstehen. Etwa in der rockigen Mersey-Beat-Variante „Hippi Hippi Shake“ der The Swinging Blue Jeans aus dem Jahr 1964.

Zu „Respectable“ – das Original stammt von den Isley Brothers – gab’s von den Hosen schon im Vorfeld das Musikvideo. Retro pur: Die zwei Minuten, 32 Sekunden sind in Schwarz-Weiß gehalten. Die Anzüge passen den Musikern wie angegossen, das Fußtippen sitzt, der Beat lädt zum Mitwippen ein – fehlen nur die Pilzfrisuren.

Apropos: Auch ein Mersey-Beat-Cover der Beatles, „Slow Down“, darf auf dem neuen Album natürlich nicht fehlen. Genauso wenig wie „Ferry Cross the Mersey“ von Gerry & The Pacemakers – eine der größten Hymnen über die Stadt Liverpool. Im Gegensatz zu vielen eher schnelleren Liedern stimmt einen dieser langsamere Song nachdenklich und versetzt einen beim Hören an den Kai eines britischen Hafens.

Überraschend ist letztlich die große musikalische Vielfalt des Albums: mal flott, mal langsam, mal ein Liebeslied, mal ein rockiger Klassiker, der beinahe Punkpotenzial hat. Trotz allem klingen die 15 Lieder am Ende unverkennbar nach den Hosen – ohne dabei komisch oder nachgespielt zu wirken. Im Gegenteil, die Düsseldorfer verpassen jedem eine zusätzlich rockige eigene Note: Ein gelungenes Kunstwerk, das Vergangenes wieder zum Leben erweckt und einfach Laune macht.

Die Toten Hosen:

„Learning English Lesson 3: Mersey Beat! The Sound of Liverpool“ (Warner).

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