Der Kampf um die Nähe

von Redaktion

Xaver Bayer hat für seine „Geschichten mit Marianne“ den österreichischen Buchpreis gewonnen

VON ALBERT MEISL

Mal auf leisen Sohlen, mal direkt und ohne Umschweife lässt Xaver Bayer in seinem neuen Prosaband „Geschichten mit Marianne“ das Grauen in die Lebenswelt eines bildungsbürgerlichen Paars eindringen. Für das meisterhafte, einer erzählerischen Traumlogik verpflichtete Werk wurde der Wiener Autor gerade mit dem österreichischen Buchpreis ausgezeichnet. Seit seinem Debütroman „Heute könnte ein glücklicher Tag sein“ (2001) zählt er zu den wichtigsten Stimmen der österreichischen Gegenwartsliteratur.

Konsequent verweigert sich Bayer den Konventionen des realistischen Erzählens und lässt die 20 Prosastücke immer wieder ins Surreale kippen. Dadurch vermag er, die inneren Bedingtheiten seiner Figuren um so intensiver auszuloten. Wenig erfährt man über ihre Vorgeschichte. Eigentlich nur, dass Marianne und der Ich-Erzähler einander sieben Jahre zuvor bei einer Führerschein-Nachschulung wegen alkoholisierten Fahrens kennengelernt haben. Seitdem leben sie zusammen, besuchen Flohmärkte, kochen Marmelade ein und widmen sich dem gemeinsamen Waldspaziergang genauso wie sexualisierten Machtspielen.

Das ist skurril und fast schon romantisch, etwa wenn der Erzähler ins brechend volle Stadion eines Fußballweltmeisterschaftsendspiels geschickt wird und Marianne dort mithilfe einer digitalen Schnitzeljagd finden muss. Lebensgefährlich wird es, wenn die Teilnahme an einem ländlichen Perchtenlauf zum Überlebenskampf gegen ultrabrutale, bewaffnete Maskenträger wird. Oder rein sadistisch, wenn er von Marianne in ein düsteres Landhaus geschickt wird, um eine bestimmte Ausgabe von Kafkas „Das Schloss“ zu holen. Dabei darf er auf keinen Fall das Licht aufdrehen und muss sich ausschließlich per Handy navigieren lassen. Als sein Akku leer ist und er versucht, das unheimliche Haus zu verlassen, muss er feststellen, dass sich die ganze Umgebung in ein tobendes Meer verwandelt hat.

Immer aufs Neue arbeiten sich Marianne und der Erzähler aneinander ab. Mal endet eine Episode für sie mit einem tödlichen Schuss bei einer Treibjagd, mal schrumpft er vor ihr auf Insektengröße zusammen und wird in die Kanalisation gespült. Doch im nächsten Kapitel stehen sie einander wieder gegenüber. Und es wird klar, dass sie stets den gleichen Kampf miteinander ausfechten müssen. Den Kampf darum, Nähe zuzulassen, sie zu ertragen und sich selbst dabei nicht zu verlieren. Ein leidvolles, verhängnisvolles, am Ende wohl unmögliches Unterfangen, für das Bayer immer wieder eigenwillige und originäre Bilder findet.

Sein Blick auf die Welt – nicht nur die der Geschlechter – ist ein düsterer, dystopischer. Bayer beweist seine Feinnervigkeit dabei schon zu Beginn des Buchs. Gleich die erste Episode lässt einem den Atem stocken. „Die Innenstadt ist abgeriegelt. Es herrscht Ausgangssperre“, schreibt er, lange bevor die Corona-Pandemie und das Allerseelenattentat in der Wiener Innenstadt Anfang November diese Begriffe von der Theorie zum Alltag gemacht haben. Ein Selbstmordattentat hat stattgefunden. Terroristen liefern sich Schussgefechte mit Spezialeinheiten der Polizei. Dass die alte Welt aus den Fugen gerät und zerfällt, blenden die Bürger aus und machen weiter wie bisher. Genussvoll geben sich der Ich-Erzähler und Marianne in deren elterlicher Wohnung in Wiens erstem Bezirk einem luxuriösen Mehrgänge-Menü hin, während draußen die Bomben detonieren. Erst als die Warhol- und Marc-Originale im Salon durch Gewehrfeuer in Mitleidenschaft gezogen werden, beginnt man, sich dazu zu verhalten.

Am Ende des Buchs lässt Bayer die beiden konsequenterweise in einem endzeitlichen Wien ankommen. Es ist eine neue Eiszeit angebrochen und die Sorge um Brennstoff das einzig Bestimmende geworden. Dieser fällt nun alles kulturbürgerliche Gut des Paares zum Opfer: die Fin-de-Siècle-Möbel, die Schallplattensammlung, die Bibliothek, auch die Bücher des Autors selbst. Ihm bleibt dabei nur zu beklagen, dass er keine voluminösen Romane geschrieben hat, denn diese würden den Ofen länger wärmen. Zum Glück hat er das nicht, muss man da entgegnen. Denn nur wenige schaffen es, in derartiger Dichte und Reduziertheit so kompromisslos und komplex zu erzählen wie Xaver Bayer.

Xaver Bayer:

„Geschichten mit Marianne“. Verlag Jung und Jung, Salzburg, 184 Seiten; 21 Euro.

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