Nichts mehr verschleiern

von Redaktion

Johannes Gramlichs Buch über die Kunst der NS-Elite und den Umgang damit

VON SIMONE DATTENBERGER

„,Hitler‘ verkauft sich gut“ – das ist ein ehernes Marketinggesetz für Zeitungen, Bücher und Fernsehsendungen. Den steinigeren Weg geht die Historikerzunft, die sich der Wahrheit mit akkurater Dokumentenforschung nähert. Und weiß, dass es nur eine Annäherung geben kann. Die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen (BStGS) wurden und werden angegriffen ob der Raubkunst-Vergangenheit und dem Umgang damit. Dem begegnet die Institution, die durch die drei Pinakotheken in München Weltgeltung besitzt, mit „Transparenz“ und „angemessener Restitutionspolitik“, wie es Generaldirektor Bernhard Maaz ausdrückt. Aktuell erneut im Vorwort zu dem Buch „Begehrt, beschwiegen, belastend – Die Kunst der NS-Elite, die Alliierten und die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen“ von Johannes Gramlich.

Der Zeitgeschichtler unterstützt das Referat für Provenienzforschung, das, vom Staat finanziell mies ausgestattet, seit 1998 aktiv ist. Der vorliegende Band (IV) aus der Schriftenreihe der BStGS beschäftigt sich indes ausschließlich mit den Arbeiten, die das bayerische Finanzministerium 1961 verschleiernd als „Überweisungen aus Staatsbesitz“ bezeichnete und die allzu lange so in den Museen und Depots der BStGS verzeichnet waren. Andrea Bambi, Chefin der Provenienzforschung, charakterisiert in ihrem Buch-Prolog den Ausdruck als einen, der „bewusst die NS-Verstrickung negiert“. Deswegen fordert sie, dass sich der Freistaat ebenfalls der „,zweiten Geschichte‘ des Nationalsozialismus stellen muss“. Gramlichs Buch sei ein „erster grundlegender Baustein“.

Tatsächlich setzt der Historiker den Kern – Raub und Kunst der NS-Bonzen – in die übergreifenden geschichtlichen Abläufe: Kriegsende, Nachkriegszeit, Beginn des Kalten Kriegs, Wirtschaftswunder, die Deutschen beginnen, ihre Täterschaft an der Schoah anzuerkennen, Auseinandersetzung mit Raubkunst. Was noch wichtiger ist – und mühsamer –, er verankert das präzise: ob in Konferenzen und Kommissionen, ob in diversen Behörden, ob in Interessensstrukturen vom für     Bayern   zuständigen US-General über den Direktor der Staatsgemäldesammlungen und einige NS-Verbrecher bis zu Kämpfern für Wiedergutmachung. Gramlich entflicht uns Lesern die vielen Dienststellen, von denen ja nur die „Monuments Men“ bekannt wurden. Die Monuments, Fine Arts and Archives Section (MFAA) war nur eine der Akteurinnen im Ringen um Gerechtigkeit oder um den eigenen Vorteil oder darum, den Schaden für die eigene Institution, fürs eigene Land gering zu halten.

Johannes Gramlich geht gründlich vor, freilich so, dass die Kapitel für jede Leserin und jeden Leser verständlich und eben auch spannend bleiben. Gerade durch diese historische Nüchternheit und Wirklichkeitsnähe entsteht so etwas wie ein packender Dokumentarfilm, insbesondere der unmittelbaren Nachkriegszeit. Das funktioniert, weil der Zeithistoriker nie die Sozialpsychologie der deutschen Gesellschaft außer Acht lässt. Nach dem Krieg sieht man sich als Opfer, und mit den Jahren wird die Schwamm-drüber-Mentalität immer stärker, bis die Auschwitz-Prozesse und die Achtundsechziger sie zurückdrängen. War anfangs die Entnazifizierung radikal, wurde sie danach immer lascher. Die deutschen Spruchkammern (ab 1946) waren zu „Mitläuferfabriken“ (Lutz Niethammer) verkommen. Auch diese rechtliche Seite wird in „Begehrt, beschwiegen, belastend“ beleuchtet.

Die Spruchkammern, die die Schuld des Einzelnen festlegten (Hauptschuldige, Belastete, Minderbelastete, Mitläufer, Entlastete) markierten einen Endpunkt. Begonnen hatte es, was die Kunst angeht, bereits mitten im Krieg mit Planungen der Alliierten inklusive der kleinen Staaten: Wie bekommen alle ihre Artefakte, Bücher und Archive zurück? Beeindruckend ist, wie hoch alle den Stellenwert dieser Objekte ansetzten. Offenbar war klar, dass die Identität einer Gesellschaft in ihnen verewigt ist. Deswegen war der Raub der Nazis für sie selbst bewusst Teil ihrer Vernichtungsstrategie. Zum Beutemachen gesellte sich Enteignung und Druck, um Notverkäufe zu erzwingen.

Völkerrechtlich war eindeutig, dass aller Raubbesitz zurückzugeben ist. Die Alliierten handhabten die äußere Restitution umfassend. Was aus den besetzten Ländern nach Deutschland gelangt war, musste restituiert werden. Der Raub, der sich gegen die eigenen Staatsbürger richtete, war jedoch juristisches Neuland. So konnten Eigentümer zwar Ansprüche bis zu einem bestimmten Zeitpunkt anmelden, aktiv nach ihnen gesucht wurde nicht. Erst als sich die Selbsteinschätzung wandelte und Medien immer wieder das Thema Raubkunst aufgriffen, so Gramlich, sei Provenienzforschung angegangen worden.

Bei den Staatsgemäldesammlungen führte das bisher zu 20 Restitutionen. An „Überweisungen aus Staatsbesitz“ bewahren sie 887 Werke. Das sind Artefakte, die entweder dem NS-Staat, der NSDAP oder Parteifunktionären gehörten. 355 Arbeiten sind als raubkunstverdächtig auf der Internetplattform Lost Art eingestellt. 291 Objekte wurden als unbedenklich eingestuft. Bei 63 ist die Herkunft nur lückenhaft rekonstruierbar. Gramlichs Buch schlüsselt ihre NS-Besitzer inklusive Abteilungen wie die Deutsche Arbeitsfront auf, erläutert die Funktion des Kunstsammelns, Vorlieben, die Raubzüge, den Neid untereinander. Auf dieser Basis wird schließlich das Verfahren nach dem Krieg analysiert.

Am erschütterndsten ist, wie schamlos amoralisch sich die Täter benahmen: etwa Ernst Buchner, Nazi-Generaldirektor der Staatsgemäldesammlungen und Kunsträuber; 1945 abgesetzt, ’48 schon wieder Mitarbeiter und ’53 erneut Direktor (bis 1957). Noch widerlicher und grotesker ist die Geschichte von Henriette Hoffmann-von Schirach und ihrem Vater Heinrich Hoffmann: reinste Hitler-Freunde, -Nutznießer und Räuber. Wie die sich nach dem Krieg aufführten – allein dafür lohnt es sich, das Buch zu lesen. Und um mit Schmerz zu erkennen, dass deutsche Beamte ihnen sogar offensichtliche Raubkunst zurückgaben.

Johannes Gramlich:

„Begehrt, beschwiegen, belastend – Die Kunst der NS-Elite, die Alliierten und die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen“. Böhlau, Wien, Köln, Weimar; 352 Seiten; 35 Euro.

Buchpräsentation: 11. März, 18-20 Uhr, auf https://www.youtube.com/user/ Pinakotheken.

Artikel 9 von 9