Eine Anekdote aus dem Alliiertengefängnis in Berlin-Spandau zeigt gut, was der „Reichsjugendführer“ und „Gauleiter von Wien“ für ein Mensch war. Mit Albert Speer, der ebenfalls nur zu 20 Jahren Haft verurteilt wurde und kurz vor der Entlassung steht, unterhält sich Baldur von Schirach darüber, was man in der Freiheit zuerst kaufen will. Speer hätte gern einen blauen Anzug. Schirach ist weniger genügsam, er träumt von Maßhemden, Smoking, Frack und handgefertigten Budapester Schuhen.
In derart prägnanten Szenen beschreibt der Österreicher Oliver Rathkolb, Vorstand des Instituts für Zeitgeschichte der Universität Wien, den Menschen hinter dem Titel. Schirach war die Nachwuchshoffnung des Nazi-Regimes. Jung, dynamisch, aus gutem Hause, von daheim bereits mit nationalem Denken vertraut, sah der 1907 geborene Schirach den kaum bekannten Hitler schon in seiner Jugend als Erlöserfigur an. Der Vater war Intendant am Großherzoglichen Hoftheater in Weimar. Die Familie zählte zur Elite der Stadt, zur völkisch-antisemitisch eingestellten Elite. Die Weimarer Republik war das große Feindbild des autoritär und nationalistisch geprägten Clans.
Hitler, Lichtgestalt dieser Kreise, kam bereits 1925 zum Tee vorbei. Der junge Schirach ist hingerissen und beginnt in München ein Germanistikstudium. Mehr noch als die Zeilen Schillers und Goethes begeistern ihn die Worte des Redners aus Braunau. Er sucht gezielt dessen Nähe und macht sich schnell unentbehrlich. Der Grundstein für eine kometenhafte Karriere des künftigen Kronprinzen ist gelegt. Der Aufstieg wird noch beschleunigt durch Schirachs Heirat mit Henriette, der Tochter von Hitlers Fotografen Heinrich Hoffmann.
Nachdem er die Studentenschaft auf NS-Kurs gebracht hat, widmet sich Schirach den jüngeren Jahrgängen. Sein Ziel ist die totale Kontrolle von Kindern und Jugendlichen durch ein alles umfassendes Umerziehungswesen. Hitlerjugend und Bund deutscher Mädel, Jungvolk und Zeltlager, Staatsschulen und Wehrertüchtigungslager – Schirach ist in seiner Neustrukturierung sämtlicher vorhandenen Jugendgruppierungen und der Zerschlagung jeder Opposition sehr erfolgreich. Denkt man an Fotografien der letzten Kriegstage, in denen kaum pubertierende Hitlerjungen noch an der Waffe üben, wird deutlich: Schirachs perfide gelenkte, emotionale Aufladung der nationalsozialistischen Jugendbewegung war ein wichtiger Faktor zur Stabilisierung des Regimes.
Wie auch dem mit ihm verurteilten und mit ihm entlassenen Speer ging es Schirach nur um sich selbst. Als Blendern und Selbstdarstellern gelingt es den Männern, sich überall angemessen zu inszenieren. Während ihrer rasanten Karrieren innerhalb der Nazi-Führungsriege ebenso wie nach dem Zusammenbruch des „Tausendjährigen Reiches“ 1946 in Nürnberg. Es ist kein Zufall, dass beide nicht am Galgen enden wie die meisten Kameraden von einst, sondern eiskaltes Kalkül. Während Speer für seine erfolgreiche Verteidigung Mitangeklagte ans Messer lieferte, wand sich Schirach unwissend, dafür geschmeidig wie ein Aal aus sämtlichen Anklagepunkten heraus. Die Jahre nach der Entlassung verlaufen für ihn glückloser als für Speer. Seine Frau hat sich längst scheiden lassen, die vier Kinder wenden sich von dem selbstgerechten Mann ab, der mit seinen alkoholgeschwängerten Tiraden auch nicht allzu geschickt in den Medien auftritt; er stirbt 1974 verarmt in Kröv.
Rathkolb hat akribisch recherchiert. In leicht lesbarem Ton entwirft der Historiker das vielschichtige Psychogramm eines skrupellosen, janusgesichtigen Mannes, dessen Bildung so gar nicht mit seinen Taten zusammenpassen mag. Der Schriftsteller Ferdinand von Schirach hat sich 2011 unmissverständlich über seinen Großvater geäußert: „Seine Verbrechen waren organisiert, sie waren systematisch, kalt und präzise. … Der Abtransport der Juden aus Wien sei sein Beitrag zur europäischen Kultur, sagte er damals. Nach solchen Sätzen ist jede weitere Frage, jede Psychologie überflüssig. Manchmal wird die Schuld eines Menschen so groß, dass alles andere keine Rolle mehr spielt. Natürlich, der Staat selbst war verbrecherisch, aber das entschuldigt Männer wie ihn nicht, weil sie diesen Staat erst erschufen. Mein Großvater brach nicht durch eine dünne Decke der Zivilisation, seine Entscheidungen waren kein Missgeschick, kein Zufall, keine Unachtsamkeit.“
Oliver Rathkolb:
„Schirach“. Molden Verlag, Wien, 352 Seiten; 32 Euro.