„Noah“ fand seine Arche

von Redaktion

Takis Würger schrieb die Geschichte des KZ-Überlebenden Norbert Klieger auf

VON LEYLA YILDIZ

Warum hasst ihr mich?, fragt sich der 17-jährige Jude Noah, als er in einem kalten, dunklen Keller sitzt –- einem Keller, der der Gestapo gehört. Es ist eine Frage, die sich ein 17-Jähriger eigentlich nicht sollte stellen müssen. Er weiß auf sie keine Antwort – keiner weiß die Antwort. Norbert Klieger, genannt Noah, ist zum Zeitpunkt seiner Verhaftung auf der Flucht. Er will 1942 aus der belgischen Stadt Mouscron in die Schweiz fliehen und hat sich dafür einen gefälschten Pass besorgt. Darin heißt er Josef Pels. Ein deutscher Name, der ihn als Jude vor den Nazis unsichtbar machen soll. Doch statt in die Schweiz geht es für Noah in „die Hölle, und diese heißt Auschwitz“.

Das Zitat, das sofort unter die Haut geht, stammt aus dem Buch „Noah“ von Takis Würger. Er erzählt die Geschichte eines Überlebenden, eines Kämpfers. Noah Klieger ging durch die schlimmsten Jahre seines Lebens, in denen er in den Konzentrationslagern der Nazis ums Überleben rang. Er überlebte, weil er sich als Boxer ausgab, er überlebte, weil er schlau war, er überlebte, weil er sich anzupassen wusste. In den KZ sah Noah viel Leid und Tod. Was ihn anfangs noch schockte, stumpfte ihn immer mehr ab.

Ganz nüchtern beschreibt Würger beispielsweise die Erinnerung von Noah, als er zusammengepfercht mit anderen Häftlingen in einem Zugwaggon steht und gerade so Luft zum Atmen hat: „Der Zug hält an und ein SS-Mann brüllt: Leichen raus. Noah schleifte mit einer Hand eine Leiche, mit der anderen Hand schaufelte er sich Schnee in den Mund. Es waren genug Menschen gestorben, dass Noah Platz zum Sitzen hatte.“ Was hier nur ein kleiner Ausschnitt ist, zieht sich durch das ganze Buch.

Takis Würger ist Journalist, er versteht sein Handwerk und er hat diese Nüchternheit zum Stil seiner Wahl gemacht (für seinen Roman „Stella“ hat er teils heftige Kritik einstecken müssen). Genau so, wie sich Noah an das Geschehene erinnerte. Das Buch soll keine Erzählung sein, das würde schon alleine das Thema nicht hergeben, sondern eine Lebensgeschichte, die wachrütteln und an die Verbrechen der Nazis erinnern soll. Und das tut es auch: Beim Lesen packen einen die Wut, das Entsetzen und die Traurigkeit über das Geschehene. Wie konnten die Menschen zu so etwas Grausamem fähig sein?

Gerade in der heutigen Zeit ist es wichtig, sich daran zu erinnern, da die Zeitzeugen immer weniger werden. Der zunehmende Rechtsruck in der deutschen Gesellschaft macht Angst. Noah Klieger fragte sich deshalb: „Hitler, wie konnte man dem hörig sein, das kann es doch nicht geben. Wenn die Deutschen jemanden finden würden mit Charisma, weiß ich, ob sie es wieder täten?“ Klieger trat selber oft als Zeitzeuge auf, erzählte seine Geschichte immer und immer wieder und führte viele Menschen durch das ehemalige Lager Auschwitz. Bei einem Vortrag in einer Schule lernte ihn Takis Würger kennen.

Im Nachwort erinnert sich Würger daran, wie die Schüler, die vorher mit ihren Handys zugange waren, nur durch Kliegers Präsenz ruhig wurden. Sie lauschten gebannt seiner Erzählung. Würger war fasziniert, und so beschloss er, zusammen mit Noah dessen Erlebnisse aufzuschreiben. 2018 besuchte Würger  den 91-Jährigen in seiner Heimat Tel Aviv. Zweieinhalb Monate blieb er, hörte Tag für Tag dem alten Mann und seinen Berichten zu. Wie er sich durchschlug, wie er nach dem Krieg Juden nach Israel schmuggelte, wie er einen jüdischen Staat mit aufbaute und wie er als Sportjournalist um die Welt gereist ist. Takis Würger gibt selber zu: „Manches Detail in der Biografie Noah Kliegers, wie er sie erzählt, wirft Fragen auf.“ Dennoch hat Würger die Geschichte so aufgeschrieben, wie Noah sie erzählt hat: „Er hat sie, wie sie hier steht, gelesen und redigiert. Dieses Buch ist Noahs Buch. Er war dabei.“ Ein paar Monate nach dem Besuch des Journalisten starb Noah. Was bleibt, sind seine Erzählungen. Takis Würger: „Ich vermisse ihn jeden Tag.“

Takis Würger:

„Noah – Von einem, der überlebte“.

Penguin Verlag, München, 188 Seiten; 20 Euro.

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