„Wir geben nicht auf“

von Redaktion

Festivalmacher Folkert Koopmans über die Absage von „Southside“ und Co.

Glastonbury hat den Anfang gemacht und sein diesjähriges Festival schon abgesagt (wir berichteten). Jetzt hat auch der Hamburger Konzert- und Festivalveranstalter FKP Scorpio Corona-bedingt die Reißleine gezogen und (zunächst nur für Juni und Juli) seinen Sommerfestivals eine Absage erteilt. So müssen die Fans auf die namhaften Freiluftspektakel „Southside“ (Baden-Württemberg), „Deichbrand“ und das „Hurricane“ (beide in Niedersachsen) wie schon im vergangenen Jahr verzichten. Über das Aus, wirtschaftliche Faktoren und die Hoffnung auf bessere Zeiten für die Kulturszene haben wir uns mit Scorpio-Geschäftsführer Folkert Koopmans (57) unterhalten.

Sie haben alle Sommerfestivals aus Ihrem Haus, die im Juni und Juli hätten stattfinden sollen, für dieses Jahr gestrichen. Die Gründe liegen auf der Hand.

Entgegen berechtigter Hoffnungen ist der Pandemieverlauf noch nicht so weit unter Kontrolle, wie es die Fortschritte bei der Impfstofffindung und -produktion eigentlich hatten vermuten lassen. Wie viele Menschen in Deutschland sind auch wir enttäuscht, dass die Impfungen und Öffnungsschritte im Gegensatz zu anderen Ländern wie Großbritannien nur langsam voranschreiten. Hier hat es Versäumnisse gegeben, die nicht nur für uns als Veranstalter, sondern für die gesamte Wirtschaft schädlich sind. Allein an einem Festival wie dem „Hurricane“ arbeiten Tausende Menschen, darunter Bühnenhelfer, Gastronomen, Landwirte und etliche andere Fachkräfte.

Ließe sich denn nicht ein „Festival light“ realisieren – mit weniger und getestetem Publikum?

Das wäre für niemanden wirtschaftlich. Große Open-Airs mit einem gewissen Anspruch sind nicht beliebig skalierbar. Sie tragen sich nur, wenn das Verhältnis von Künstlern und Publikumsgröße stimmt.

Ist der Zeitpunkt der Bekanntmachung richtig gewählt? Oder hätte man die Absage schon eher, in Anbetracht der Pandemie-Situation, kommunizieren müssen?

Wir waren in diesem und im vergangenen Jahr unter den Ersten, die transparent kommuniziert haben, wie die Lage ist. Das haben wir uns bis heute beibehalten und erfahren dafür auch sehr viel Rückhalt. Um die Frage zu beantworten: Nein, eine frühere endgültige Absage wäre nicht der richtige Weg gewesen. Zum einen, weil wir es unseren Gästen schuldig sind, alles dafür zu tun, eine erworbene Leistung zu erbringen. Zum anderen, weil wir mit vielen anderen Namen der Branche an einem guten Konzept gearbeitet haben, das Festivals auch unter Pandemiebedingungen sicher macht. Die dort geleistete Arbeit wird uns aber in Zukunft nützlich sein.

Inwiefern?

Dazu kann ich leider noch keine Details nennen, da es sich um ein branchenweites Projekt handelt, das wir in Abstimmung mit mehreren Partnern veröffentlichen werden.

Was passiert nun mit den bereits erworbenen Festivalkarten etwa fürs „Southside“?

Die Tickets behalten ihre Gültigkeit, unsere Gäste müssen nichts weiter tun. Sollte jemand den Besuch im kommenden Jahr nicht einrichten können, gibt es natürlich eine Härtefallregelung.

Viele Bands, die 2020 beim „Southside“ hätten spielen sollen, waren heuer wieder angekündigt. Kommen die nun 2022 zum Zug?

Wir halten unsere Solidarität aufrecht und werden den Bands wieder die Möglichkeit geben, für 2022 zu bestätigen.

Und wenn es im kommenden Jahr schon wieder pandemiebedingt keine Konzerte, Festivals und dergleichen geben sollte – was dann?

Dieses Szenario ist angesichts der entwickelten Vakzine sehr unrealistisch, würde aber den sicheren Untergang noch weiterer Teile der Veranstaltungswirtschaft bedeuten.

Wie steht FKP Scorpio nun wirtschaftlich dar?

Finanziell geht es dem Unternehmen immer noch gut, da wir in den vergangenen Jahren gut gewirtschaftet und Reserven gebildet haben. Von denen zehren wir. Nur wenn es 2022 auch nicht weitergehen sollte, wird es sehr bitter.

Wie hoch sind die eingefahrenen Verluste bis heute?

Im vergangenen Jahr waren wir versichert, dadurch sind wir unter den gegebenen Umständen ganz gut durch das Jahr gekommen. Der Verlust 2021 dürfte sich aber auf mehrere Millionen Euro belaufen.

Aber Sie geben die Hoffnung nicht auf …

Natürlich nicht. Wir haben eine Perspektive und gute Lösungen für wirksame Schutzkonzepte parat. Kultur schafft man nicht einfach ab – sie ist ein menschliches Grundbedürfnis und wird so schnell wie irgend möglich zurückkehren. Die Menschen in Deutschland und überall auf der Welt sind nach dieser beispiellosen Dürre so durstig auf Live-Erlebnisse wie noch nie. Genauso wie wir.

Das Gespräch führte Lars Warnecke.

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