Ein Richtschwert ist das Erste, was man sieht. „Kunst & Kapitalverbrechen – Veit Stoß, Tilman Riemenschneider und der Münnerstädter Altar“ ist ernst gemeint. Das ist kein lediglich verkaufsfördernder Ausstellungstitel, den sich Frank Matthias Kammel, Chef des Bayerischen Nationalmuseums (BNM), und sein Team ausgedacht haben. „Kapital“ kommt vom lateinischen „caput“, „Haupt“, und bedeutet im Zusammenhang mit Gerichtsprozessen: Kopf ab! Mit knapper Not entkam der höchst angesehene Meister Stoß (um 1447-1533) so einem Schwert. Die Nürnberger Obrigkeit wusste, was sie an ihm hatte. Deswegen kam 1502 der geständige Delinquent – „peinliche“ Befragung mit Vorzeigen der Folterinstrumente – mit einer Brandmarkung der Wangen davon.
Was das mit dem Münnerstädter Altar zu tun hat? Das Richtschwert ging dem Bildhauer nicht aus dem Kopf; er floh zum Schwiegersohn nach Münnerstadt. Dort wollten die Stadtmächtigen inklusive des Deutschen Ordens den Altar der Pfarrkirche aufhübschen. 1490/92 hatte ihnen der berühmte Tilmann Riemenschneider (um 1460-1531) einen traumschönen Altaraufsatz (Flügelretabel) geschnitzt. Allerdings war alles holzsichtig. Rund zehn Jahre später sollte alles bunt werden. Neben der farbigen Fassung der Figuren wurde Bildhauer Stoß gedrängt – zu malen.
Der Altar hat auch später allerhand mitgemacht, bis er ganz abgebaut und in Teilen verkauft wurde. Für die der heiligen Maria Magdalena geweihte Kirche hatte Riemenschneider die Frauengestalt ins Zentrum gesetzt, gerade wie sie in den Himmel auffährt. Sie ist eine „Mischung“ aus Maria von Magdala, der Sünderin, die Jesus die Füße wäscht, und der Einsiedlerin in der Wüste aus den Legenden. Letzterer ist in der Wildnis ein Fell gewachsen, das sie sogar trägt, als sie die Engel ins ewige Leben entrücken. Vier Tafeln zeigen Szenen aus dem Leben dieser Frau(en). Der 15 Meter hohe Altar war außerdem mit den Heiligen Elisabeth, Kilian (extrem beeindruckender Charakterkopf), Johannes der Täufer und der Evangelist sowie ganz oben einem „Gnadenstuhl“ bestückt. Das ist die Dreieinigkeit von Gottvater, -sohn und Heiligem Geist. Dazu kamen 1504/05 Veit Stoß’ vier türgroße Gemälde, die vom Martyrium des Frankenpatrons Kilian (um 640-689) erzählen.
Diese monumentale, dramatische Inszenierung heiligen Lebens und Leidens – gerade in der innigen Beziehung von Gott und totem Jesus – ist nun ansatzweise wiederzuerkennen. Das BNM konnte die erhaltenen Teile zusammenführen. Das wurde möglich, weil Münnerstadt die St.-Maria-Magdalena-Kirche sanieren muss. So ist dem kulturhistorischen Schatzhaus an der Prinzregentenstraße eine Ausstellungssensation gelungen, denn die einzigartigen Werke wird man wohl nie mehr zusammen erleben können: den feinsinnigen Seelenkenner Riemenschneider und den temperamentvollen Psychologen Stoß.
Kammel und Kurator Matthias Weniger haben nicht den Fehler gemacht, für die Münchner Präsentation den Altar wieder zusammenzubasteln (nur per Computeranimation). Rechts vom eingangs erwähnten Richtschwert leuchten Stoß’ Gemälde hervor, links findet sich die Gruppe der Riemenschneider’schen Arbeiten. Das Packende, Einmalige dabei ist, dass Besucherinnen und Besucher den Figuren hautnah begegnen. Sie „schweben“ nicht mehr fern von uns und weit oben am Altar. Jetzt dürfen wir fühlen, dass die Künstler sie immer für uns gedacht und gemacht hatten: die Falten an Kilians Handschuh, die Schuppen auf dem Leib der Engel, die Samtgoldtapete im Schloss von Frankenherzog Gozbert und das Teufelsuntier, das seine mörderische Frau Gailana holt. Egal, ob geschnitzt oder gemalt, wir gehen auf Tuchfühlung. Deswegen schwinden die Jahrhunderte zwischen damals und heute schnell. Zumindest was den Kontakt zu den Menschen angeht.
Dass man wegen Urkundenfälschung eine Todesstrafe erhält – darauf verzichten wir freilich gern. Veit Stoß war von einem Geschäftspartner über den Tisch gezogen worden, wollte sein Geld zurück. Weil der Künstler keine Beweise hatte, fälschte er ein Dokument. Ein verständliches Vergehen. Die Schau erzählt aber nicht nur davon, sie hebt vor allem den vielseitigen Könner hervor. Wichtiger als der Maler ist der Bildhauer, was eine bezaubernde Madonna mit noch bezaubernderen Grübchen beweist. Und: Stoß wagte sich sogar aufs Feld der Grafik, damals ungewöhnlich.
Ergänzt wird die ungewöhnliche Begegnung mit der beginnenden Neuzeit durch praktische Sachen. Da das Bayerische Nationalmuseum so ziemlich alles hat, was auf den Bildern zu sehen ist, dürfen sich die Betrachter auch auf Goldringe und Daumenschrauben, Schlüsselbund und Krug freuen.
Bis 2. Mai,
Verlängerung geplant; Di.-So. 10-17 Uhr, Do. 10-20 Uhr; Karten-Anmeldung unter 089/21 12 43 17, Mo.-Fr. 9-12 Uhr. Katalogbuch (wir berichteten), Hirmer Verlag: im Museum 29, im Buchhandel 37 Euro.