Was für ein melodiöses bairisches Wort. Zeitlang. Es klingt so sehnsuchtsvoll. Und voller Sehnsucht scheinen auch die Menschen, die der Fotograf Sebastian Beck in seinen Bildern festgehalten hat und die nun im Literaturhaus München zu sehen sind. Menschen wie Fereydoon Torabi. Er sitzt in Tracht auf der Kirchenbank in Sankt Englmar, versucht ein Lächeln. Doch seine Augen verraten: Er vermisst seine Heimat. Die liegt nicht in Niederbayern, sondern in Afghanistan. Obwohl der junge Flüchtling alles tut, in Deutschland anzukommen – er engagiert sich im Trachtenverein und bei der Feuerwehr – Sehnsucht, Zeitlang nach daheim wird ihn wohl nie verlassen.
Mit dem bairischen Ausdruck für ein Sehnen, aber auch für Langeweile haben Beck und Journalist Hans Kratzer ihrer sehenswerten Ausstellung einen passenden Titel gegeben. Alle Fotos bilden eine Verbindung von einst und heute ab, einen Zwischenzustand von Bayern im Klischee und der harten Realität. Mehr noch: Beck und Kratzer gelingt es, das Bild der vermeintlich so viel lebenswerteren Vergangenheit zu hinterfragen – aber auch die Schattenseiten des Fortschritts einzublenden. Bayern ist nicht und war nie nur alpenwiesenschön. Bayern hat und hatte immer hässliche Seiten. Bei manchen muss man genau hinschauen.
Die Blumen, die in einer Fotografie auf grauem Grund liegen, erinnern an ein Stillleben. Friedvoll liegen sie da. Wer den Audioguide ans Ohr hält, erfährt die wahre Geschichte: Diese Blumen liegen auf dem Seziertisch im Krematorium der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg (Oberpfalz). Über Jahre wurde das Grauen, das hier passierte, verdrängt. Man überbaute die Anlage teilweise mit Einfamilienhäusern. Heute ist sie zugänglich.
Solche Brüche sind es, die die zwei Männer interessieren. Quer durch den Freistaat reisen sie für ihre journalistische Recherche seit Jahrzehnten. Als sie diese Schau konzipierten, dachten sie sich erst: „Fotos von ganz normalen Menschen? Interessiert das überhaupt jemanden?“, erzählt Beck. Zwei Fragen, zwei Antworten: Was ist schon normal? Und: Ja, unbedingt!
Bis 6. Juni
im Literaturhaus München, täglich 11-18 Uhr; Anmeldung unter literaturhaus-muenchen.de oder 089/ 2919 3427.