Wer in unseren Breiten „Hinterglasmalerei“ hört, denkt sofort an religiöse Volkskunst – hier eine heilige Corona, dort ein heiliger Florian. Alles schlicht, farbenfroh, im 19. Jahrhundert in Masse nach Vorlagen produziert. Das Museum Penzberg – Sammlung Campendonk hat jedoch einen professionellen bildenden Künstler als Namenspatron, der darüber hinaus zur Gruppe des „Blauen Reiters“ gehört, also zur Klassischen Moderne, und seine Kunst weit ins 20. Jahrhundert entwickelt hat. Genau dieser Heinrich Campendonk hat die Hinterglasmalerei zu höchster Raffinesse geführt. Deswegen war das Museum von Anfang an hellwach, wenn es um diese Kunst und Technik ging.
Dem Penzberger Haus wuchs nach und nach Expertentum zu. Das gipfelte in dem multidisziplinären Forschungsprojekt „Hinterglasmalerei als Technik der Klassischen Moderne 1905 bis 1955“. Es lief von 2015 bis 2019 und wurde von der Volkswagen-Stiftung finanziert. Die jetzige Chefin des Museums Penzberg, Diana Oesterle, und ihre Vorgängerin Gisela Geiger leiteten es. Beteiligt waren eine Restauratorin – Farbe auf Glas ist mega-schwierig –, Materialanalytiker von der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM) und vom Münchner Doerner Institut der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen sowie das Institut für Kunstgeschichte der Ludwig-Maximilians-Universität München.
Damit die Erkenntnisse und vor allem die Freude an dieser Art, Kunst zu realisieren, nicht nur wissenschaftlich blühen, ist jetzt in Penzberg die Schau „Hinter Glas gemalt. Geheimnisse einer Technik“ zu erleben. Auch sie wäre wie so viele andere fast komplett dem Lockdown zum Opfer gefallen, kann nun aber dank der Großmut der Leihgeber bis 4. Juli verlängert werden. Im kommenden Jahr soll ihr eine Exposition zur Kunst- und Kulturgeschichte der Hinterglasmalerei folgen. Was freilich nicht heißt, dass man nun nur mit Dingen wie Kathedralglas, Ölfarbe, Gummi arabicum, Goldfolie, Infrarotspektroskopie in diffuser Reflexion oder energiedispersiver Röntgenmikroanalyse konfrontiert wird. Natürlich stehen die Schönheit, die Leuchtkraft der Kunstwerke im Mittelpunkt: Sie sind und bleiben etwas Besonderes, denn das Glas bringt sie zum Leuchten, als wäre hinter jedem Bild ein Lämpchen angeschaltet worden. Da ist es egal, ob Besucherinnen und Besucher allerfeinst gemalte Schlittschuhläufer aus dem 18. Jahrhundert sehen oder absolut unfassbar fein in Schwarz-Weiß gearbeitete Orchideen von 2019. So oder so, man kann sich nicht gegen die Faszination wehren.
Wird aber auch nicht mit den Rätseln alleingelassen. Wir erfahren, was der Unterschied ist von Glasmalerei und Hinterglasmalerei. Dass man im Gegensatz zur üblichen Malerei Vorder- und Hintergrund umgekehrt konzipieren muss, dass man eigentlich nicht sieht, was man malt. Dass Glas sehr zerbrechlich ist – Wassily Kandinsky stöhnte schwer. Dass man mit Folien, Staub, Ruß, Spiegeln, Glanzpapier und Kratzen ausprobieren kann, wozu man Lust und Mut hat. Und wir erfahren schließlich, dass genau diese Experimentierfreude die Wissenschaftler vor enorme Probleme stellt. Wie untersuche ich etwas, was wahnsinnig fragil, vielleicht schon geschädigt ist? Da kommen die erwähnten Maschinen und ihre Strahlen-Fähigkeiten ins Spiel, weil sie es sind, die ohne „Gewalt“ die Geheimnisse von Leinöl und Mennige, Aluminium und Proteinen lüften. Das ist entscheidend, um die Werke vor dem Verfall bewahren zu können. Kandinskys „Mit Früchten“ (1918) zum Beispiel war in 18 Scherben zersprungen, und ein Stück fehlte. Im Penzberg Museum ist optisch nachzuvollziehen, welch Wunder die Restauratorin Simone Bretz vollbracht hat. Andere Besonderheiten werden mit Detailfotos und knappen Infotexten verständlich gemacht. Ein Genuss für Kunstfreunde und Technik-Freaks.
Bis 4. Juli,
Di.-So. 10-17 Uhr; im Museum wird dauerhaft und bis 2. Mai mit Mahnblumen an die Penzberger Mordnacht 1945 (s. auch Seite 16) erinnert; www.museum-penzberg.de.