Die Hamburger Schriftstellerin Kirsten Boie ist für ihre liebenswerten Kinderbuchcharaktere wie den „Kleinen Ritter Trenk“ oder „Linnea“ bekannt. In „Dunkelnacht“, erschienen im Oetinger Verlag (127 Seiten, 13 Euro), schlägt sie nun andere, dem Titel entsprechend düstere Töne an. Aus der Sicht von drei Teenagern erzählt sie von der sogenannten „Penzberger Mordnacht“, einem grauenhaften Blutrausch aus den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs. Nur die Charaktere der Kinder sind fiktiv, der Rest hat sich am 28. und 29. April 1945 so zugetragen, betont die Autorin (siehe Kasten).
Jede der zentralen Figuren der Handlung vertritt eine andere Haltung zum Nationalsozialismus.
Genau. Da gibt es die Tochter des Metzgers, der zu denjenigen gehörte, die am Morgen versucht hatten, das Rathaus von den Nazis zu übernehmen, um eine friedliche Übergabe der Stadt an die Amerikaner zu organisieren. Das ist einer von denen, die Widerstand geleistet hatten gegen die Nazis. Grundsätzlich war Penzberg, anders als das ländliche Umfeld, als Bergwerksstadt tendenziell immer rot, also sozialdemokratisch oder kommunistisch geprägt. Dann ist da der Sohn des Polizeimeisters, der durch Elternhaus und Hitlerjugend geprägt ist, aber nicht fanatisch. Und noch ein Junge, der begeistert bei den „Werwölfen“ mitmacht.
Die realen Ereignisse jener Nacht sind monströs – und trotzdem kaum bekannt. Wann haben Sie davon gehört?
Auf das Thema bin ich beim Lesen von Harald Jähners „Wolfszeit. Deutschland zwischen 1945-1954“ gestoßen. Da gibt es ein Kapitel über Endphasen-Verbrechen. Der „Penzberger Mordnacht“ wird ein Absatz gewidmet. Zuerst war ich völlig erschüttert von dem, was da passiert ist. Anschließend davon, dass ich selbst noch nie davon gehört hatte. Und auch niemand in meinem Bekanntenkreis. Von Anfang an hatte ich das intensive Bedürfnis, darüber schreiben zu wollen. Nur hinzufahren war im vergangenen Frühjahr nicht möglich.
Wie haben Sie dann recherchiert?
Die Archivarin im Penzberger Stadtarchiv war sofort bereit, mir eine große Menge Material zu schicken. Am relevantesten war eine Dokumentation des Prozesses gegen die an den Ermordungen Beteiligten, der 1948 stattgefunden hat. Da gab es die wörtlichen Aussagen, das hat mir viele Details nochmals klarer gemacht. Anfangs wollte ich mich viel stärker von der Realität lösen, auch geografisch, um mehr Freiheiten zu haben. Aber ich habe schnell gemerkt, dass das nicht funktionieren würde. Weil für Jugendliche eine große Rolle spielt, ob etwas wirklich passiert ist. Das habe ich bei vielen Lesungen gelernt. Da war es für die Kinder immer wahnsinnig wichtig, ob sich etwas genau so ereignet hat. Man sieht das auch bei den Gesprächen mit NS-Zeitzeugen an Schulen. Da berichten Lehrer, dass die Klassen vorher gestöhnt haben, und anschließend waren sie total beeindruckt. Dann wird Geschichte nämlich plötzlich real.
Konnten Sie mit Zeitzeugen sprechen?
Ja, ich habe mit einem Mann telefoniert, der war damals zwölf Jahre alt. Allerdings hatte ich da die Rohfassung bereits fertig. Er hat mir zwar gar nichts Neues berichten können. Aber es war auch keine Korrektur nötig, was ich ganz beruhigend fand.
Wie lebt Penzberg mit diesem Erbe?
Für die Stadt ist das bis heute eine große Belastung. Es gibt ein Mahnmal etwas außerhalb, an dem Erschießungsplatz. Das wurde 1948, parallel zum Prozess gegen die Täter, angelegt und wird auch sehr gepflegt. Der Jahrestag wird begangen. Im Stadtmuseum findet sich eine kleine Ausstellung. Die Häuser, an denen die Menschen erhängt wurden, sind im Zuge einer Stadtsanierung in den Siebzigern alle abgerissen worden. Aber es gibt noch Einwohner, die die Namen der Opfer tragen. Und auch solche, die die Namen der Täter tragen.
Warum ist es heute noch wichtig, junge Leute an die NS-Zeit zu erinnern?
Erst einmal sollte man die Vergangenheit kennen, um mit der Zukunft vernünftig umgehen zu können. Das sehen wir ja immer wieder, bei den verschiedenen Themen. In diesem Fall ist es noch spezieller: Ich denke, niemand von den jetzt Lebenden hat noch Schuld an dem, was damals passiert ist. Wir können nicht Schuld tragen an etwas, was passierte, als wir noch nicht einmal geboren waren. Aber wir haben eine besondere Verantwortung. Weil wir wissen, dass es passieren kann, und weil es bei uns passiert ist. Weil das unsere Väter, Großväter, Urgroßväter waren, nicht irgendwelche Fremden. Das haben wir erlebt, in unserem Land. Bei unseren Familienangehörigen und Nachbarn. Das ist es, was wir weitergeben müssen. Nicht dass wir schuld sind an irgendetwas, das ist Quatsch. Viele deutsche Jugendliche haben inzwischen Väter oder Großväter aus der Türkei, aus Syrien oder aus Ghana. Die müssen sich nicht schuldig fühlen und sind es ja auch nicht. Ebenso wenig wie die mit den deutschen Großvätern. Aber alle gemeinsam haben wir diese Verantwortung. Wir wissen, dass es passieren kann. Das muss den Jugendlichen immer wieder vermittelt werden. Und die Mordnacht ist ein anderer Ansatz dazu.
Das Gespräch führte Ulrike Frick.