Wer in eine „Blauer Reiter“-Ausstellung geht, genießt die heute so populäre, farbenprächtige Ausdruckskraft der Bilder. Und immer bekommt man mit: Das ist keine der üblichen Künstlergruppen; und es gibt diesen Almanach von 1912. Manche Besucher lesen vielleicht nach, was das heißen soll, richtig griffig wird es dennoch nicht. Das Münchner Lenbachhaus schafft da jetzt mit der Langzeitpräsentation „Der Blaue Reiter – Gruppendynamik“ gründlich Abhilfe.
Die Städtische Galerie ist durch die Schenkung von Gabriele Münter und eigene Sammlungstätigkeit das weltweit wichtigste Museum für den „Blauen Reiter“. Im Laufe der Jahrzehnte hat es viele Facetten dieser Künstlervereinigung beleuchtet: von Liebes- bis zu Freundespaaren, von Papierarbeiten bis zu Gemälden unbekannt Gebliebener. Jetzt wolle man weg von diesen „Teilaspekten“, erklärt Matthias Mühling, Chef des Hauses, und „alles aufzeigen. Die Neueinrichtung soll nicht nur überraschen, sondern auch zukünftige Generationen einbeziehen.“ Das ist der frappierenden Schau mit 650 Exponaten, darunter 60 Leihgaben, auf vitalisierende, unterhaltsame Art gelungen. Das Kuratorenteam, Top-„Blauer Reiter“-Expertin Annegret Hoberg sowie Mühling und Anna Straetmans, hat Wissen und Ideen zu einer energiegeladenen Inszenierung vereinigt.
Wer beim Eintritt in den vorgegebenen Rundgang verschreckt auf Bücher, Papier in Vitrinentischen und einige Grafiken starrt, sei getröstet. Dieser Almanach mit dem Ritter Georg auf dem Cover – Kandinsky-Holzschnitt – wird im Lenbachhaus quicklebendig: Denn die Kuratoren haben ihn dreidimensional werden lassen. Klar, es wird theoretisiert im Almanach, den Franz Marc und Wassily Kandinsky herausgaben. Aber er enthält neben Musiknoten von Arnold Schönberg, Alban Berg und Anton Webern sowie dem Theaterstück „Der Gelbe Klang“ viele, viele Abbildungen. Alles zusammen signalisiert: „Das ganze Werk, Kunst genannt, kennt keine Grenzen und Völker, sondern die Menschheit“ (Vorwort).
Natürlich wollten die Autoren von August Macke bis Schönberg die neue Kunst propagieren, gegen die giftigen Angriffe wappnen, Ziele erklären und in die Zukunft schauen. Deswegen blickten sie sogar in die Vergangenheit – und in die ganze Welt. „Der Blaue Reiter“ ist also zunächst keine Künstlergruppe, die ausgrenzt (was dieser oder jener Herr dennoch tat). Sie setzt auf ein breites Spektrum: Es gibt heutige Millionenseller wie Pablo Picasso, Henri Matisse, Henri Rousseau, Vincent van Gogh und die „Blauen Reiter“ Kandinsky, August Macke, Marc, Alexej von Jawlensky. Es gibt gleich gewichtet (!) Kinderzeichnungen, Laienbilder, Volkskunst von Russland bis Ägypten, ozeanische bis nordamerikanische Skulpturen, antike Reliefs und mittelalterliche Plastiken. Der Wesenskern eines Kunstwerks müsse stimmen, wie es äußerlich umgesetzt werde, sei zweitrangig, postuliert Kandinsky.
All das im Lenbachhaus zu vereinen, würde alle räumlichen und finanziellen Grenzen sprengen. Dennoch hat das Team eine erstaunliche Fülle an Objekten aus dem Almanach zusammenbekommen. Sogar das ikonische Hochzeits-Bild von Rousseau konnte man von den Pariser Musées d’Orsay et de l’Orangerie loseisen; oder die faszinierende Ahnen-Plastik von den Osterinseln, die als das teuerste Versicherungsstück vom Museum Fünf Kontinente, Maximilianstraße, zur Luisenstraße gewandert ist.
All das ist nicht bieder aufgereiht, sondern munter gemischt – wie wir es aus dem Münter-Haus in Murnau kenne. Die Malerin und Kandinsky richteten sich mit bayerischer Eckbank und religiöser Volkskunst ein. Diese gemütlichen Ecken, in denen Menschen und Kunst zum Leben zusammenkommen, ist das optische Leitmotiv des ersten Teils der „Blauer Reiter“-Schau. Er gipfelt im großen Saal, wo Marcs „Tiger“ verwundert auf ägyptisches Schattenspiel, ein lebensgroßes Paar aus Borneo (im Almanach hat man die Frau weggelassen) auf den erwähnten Ahnen und einen knuddeligen heiligen Martin blickt.
Auch im zweiten Teil der Exposition wird es vielfältig. Er widmet sich dem Beziehungsgeflecht von Neuer Künstlervereinigung München (NKVM) und den sich davon im Dezember 1911 abspaltenden „Blauer Reiter“-Leuten. Außerdem hat man versucht, möglichst viele Werke aufzubieten, die bei der ersten und zweiten Ausstellung des „Blauen Reiters“ (1911, 1912) in den Münchner Galerien Thannhauser und Goltz inszeniert wurden. So hat München nun Robert Delaunays pixelartiges Werk „Die Stadt“ vom Guggenheim Museum, New York, als Leihgabe erhalten. Sehr wichtig, da das Lenbachhaus weder einen Delaunay noch einen Heinrich Campendonk besitzt (beide Bilder auch im Almanach). Der Franzose öffnete den „Reitern“ den Weg zu einem farbigen Kubismus. Campendonk – im Museum Penzberg präsent – gilt als der jüngste „Blaue Reiter“; und der durfte mit den Großen ausstellen! Sein Pferd springt jetzt neben der „Stadt“.
Es gibt zahlreiche Begegnungen dieser Art. Die kühle Architektur von Alexander Kanoldt, die bereits die Neue Sachlichkeit atmet, und die glühenden Farben der frühen Murnau-Bilder von Münter und Kandinsky. Elisabeth Epsteins in sich ruhende Frauen und Alfred Kubins Monster aus der Schwärze. In diesem Zusammenhang sind einige Wunder zu bestaunen: zum Beispiel die raren Epstein-Werke überhaupt gefunden und fürs Lenbachhaus erworben zu haben. Ähnlich wie die träumerische Landschaft von Wladimir Burljuk, die man nur von dem schwiemeligen Schwarz-Weiß-Foto aus dem Almanach kannte.
Überhaupt macht einen dieser Abschnitt der Ausstellung über viele unterrepräsentierte „Blaue Reiter“ staunen. Maria Marc lässt Helligkeit und Kinderliebe strahlen. Marianne von Werefkin geht in symbolistische Tiefe. Jean-Bloé Niestlé haut einen mit Hyper-Realismus und Naturliebe um. Und Eugen von Kahler träumt sich in Paradiese mit Nackten – was die übrigen „Reiter“ auffallend vermieden. Sie waren lieber im echten Leben erotisch munter unterwegs. „Das Geistige in der Kunst“ (Kandinsky) braucht eben doch Fleisch und Blut.
Bis 23. März 2023,
Di.-So. 10-18 Uhr; Karten buchbar auf der Homepage; der Katalog erscheint erst noch. Es gibt außerdem einen bibliophilen Nachdruck des Almanachs in kleiner Auflage.