Abgase der Musik

von Redaktion

Klassikszene und Klimaschutz

VON GEORG RUDIGER

Bedrohliche, metallische Klänge auf dem Tam Tam werden unterbrochen von nervösen, hölzernen Schlägen. Keine Melodie erklingt mehr in dieser Ödnis. „Die Dürre duldet keine Menschen mehr. Hören Sie den Herzschlag der Erde? Hört sie noch was?“, schreibt Patricia Kopatchinskaja zu ihrem Programm „Dies irae“. Die moldawische Geigerin hat mit diesem „Tag des Zorns“ ein Programm zur Klimakatastrophe zusammengestellt (zu sehen unter www.swr.de/swrclassic).

Klassische Musik nicht als Wellnessoase, sondern als Wachmacher. Kopatchinskaja möchte damit das Umweltbewusstsein des saturierten Publikums schärfen und die Bedrohung der Menschheit in Klang setzen. „Wie viel Zeit bleibt uns noch?“, fragt sie am Ende ihrer Werkeinführung. Im Klassikbetrieb beschäftigt man sich aber lieber mit dem Glamourfaktor als mit dem CO2-Ausstoß. Nicht nur Dirigenten sind erklärte Vielflieger. Auch Solisten und Orchester touren um die Welt zu wichtigen, aber auch unwichtigen Festivals. Konzertreisen als Teambildung fürs Orchester und Politur fürs Prestige. Je weiter weg, desto besser.

Markus Bruggaier ist als Hornist der Staatskapelle Berlin Teil des Systems. Mit der Gründung der Stiftung „NaturTon“, der später der Verein „Orchester des Wandels“ folgte, setzte er mit einigen Gleichgesinnten schon vor zehn Jahren Akzente zu mehr Nachhaltigkeit in der Klassik. Mit einem Klimakonzert pro Saison unterstützte die Staatskapelle Aufforstungsprojekte in Indien, Rumänien und Moldawien – letzteres 2012 mit Patricia Kopatchinskaja, die für ihr Heimatland als Klimabotschafterin fungierte. Bruggaier versteht den Verein als basisdemokratische Graswurzelbewegung, die neue Impulse ins träge Musikbeamtentum bringen soll. Mittlerweile sind 14 Berufsorchester Mitglied, darunter die Badische Staatskapelle Karlsruhe und die Stuttgarter Philharmoniker – Tendenz steigend.

Ein Mindestjahresbeitrag von 1000 Euro und die Verpflichtung auf zehn Jahre Mitgliedschaft sind die Voraussetzung. Mit dem Geld soll ein langfristiges Aufforstungsprojekt im Urwald von Madagaskar finanziert werden, der durch den Export von Edelhölzern wie Palisander und Ebenholz, aus denen auch Griffbretter und Wirbel für Streichinstrumente hergestellt werden, bereits zu 90 Prozent vernichtet ist. „Wir arbeiten auch daran, den CO2-Abdruck der einzelnen Orchester zu verbessern, und werden zukünftig professionelle Teams schicken, die nach Einsparmöglichkeiten suchen“, sagt Vereinsvorsitzender Detlef Grooß, Bratschist im Nationaltheater-Orchester Mannheim. „Kultur erzeugt Emissionen. Aber wir können versuchen, sie durch eine klimafreundlichere Tourneeplanung zu reduzieren, und so eine Vorreiterrolle spielen.“

Für die Bregenzer Festspiele spielt Klimaschutz laut dem kaufmännischen Direktor Michael Diem eine wichtige Rolle. In den vergangenen Jahren konnte rund ein Viertel der Energiekosten gespart werden. Zur Kühlung des Festspielhauses wird Bodenseewasser eingesetzt, auf dem Dach eines zu errichtenden Mehrzweckgebäudes eine Fotovoltaikanlage installiert, für den Bühnenbau werden ökologische Materialien verwendet, die Eintrittskarte dient als Gratisticket für den Vorarlberger Verkehrsverbund. Die Bodenseeregion sieht er auch in Zukunft gut aufgestellt. „Der Reisende kann hier sowohl Natur als auch Urbanität erleben“, sagt Diem und hofft nach der Corona-Pandemie im Tourismus auf eine Renaissance des „Qualitätssegments Kultur- und Naturtourismus“.

Die Deutsche Orchester-Vereinigung (DOV) hatte für 2020 eine große Nachhaltigkeitskampagne geplant, die wegen der Pandemie in dieses und nächstes Jahr verschoben wird. „Im Grunde geht es um drei Schritte: 1. Erstellen einer Klimabilanz. 2. Bewertung möglicher Nachhaltigkeitspotenziale. 3. Umsetzung konkreter Maßnahmen“, sagt DOV-Geschäftsführer Gerald Mertens. Die Bundeskulturstiftung hat hierzu gerade ein Pilotprojekt initiiert. Mit digitalen Noten statt Printexemplaren, regionalem Catering oder einer effizienten Dienstplanung, die unnötige Fahrten vermeidet, entscheiden viele Kleinigkeiten im Orchesteralltag über den CO2-Ausstoß. Bei Reisen könne man mit Residenzen statt täglichen Ortswechseln die Klimabilanz verbessern.

Leander Hotaki geht einen radikaleren Weg als die meisten. Der Geschäftsführer der Albert-Konzerte Freiburg und Hörtnagel-Konzerte Nürnberg hat in der Saison 2019/20 bereits zehn von 26 Konzerten klimaneutral durchgeführt – mittelfristig strebt der Veranstalter 100 Prozent Klimaneutralität an. Die Art der Anreise ist für ihn mittlerweile Buchungskriterium. Die internationalen Spitzenorchester wird er zwar trotz Flugreise wegen ihrer außergewöhnlichen Qualität weiterhin im Programm haben, aber im mittleren Preissegment werde auch der CO2-Fußabdruck des zu buchenden Orchesters eine Rolle spielen.

Um diesen zu ermitteln, arbeitet er mit der Hamburger Klimaschutzagentur Arktik zusammen. „Grundsätzlich ist das Vermeiden von Emissionen immer besser als das Kompensieren durch Zertifikate.“ Ob sich nach Corona viel verändern wird im internationalen Klassik-Geschäft? Hotaki ist skeptisch. „Die Szene kreist viel zu sehr um sich selbst. Ob Orchester, Künstler oder Veranstalter: Wir müssen uns jetzt alle ein Stück weit neu erfinden. Gut so!“ Patricia Kopatchinskajas Klimaschutz-Konzert endet mit dem einstimmig gesungenen mittelalterlichen Choral „Dies irae“. Der Mönchsgesang wird begleitet von nervös tickenden Metronomen, von denen nur noch eines übrig bleibt – wie eine Zeitbombe.

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