Der Klang des Regenwalds

von Redaktion

Jean-Michel Jarres „Amazônia“ ist die Musik zu Sebastião Salgados Ausstellung

VON JÖRG HEINRICH

Vor etwas über drei Monaten hat Frankreichs Elektropop-Guru Jean-Michel Jarre das neue Jahr standesgemäß begrüßt, mit einem spektakulären Experiment. 75 Millionen Menschen sollen sein Neujahrskonzert „Welcome to the other Side“ („Willkommen auf der anderen Seite“) in einer virtuellen Simulation der Pariser Kathedrale Notre-Dame bestaunt haben. Nun hat der nimmermüde und offenbar ewig jugendliche 72-Jährige sein erstes großes Projekt für 2021 präsentiert. Gerade ist Jarres neues Album „Amazônia“ erschienen, der Soundtrack zur gleichnamigen interaktiven Ausstellung des brasilianischen Fotografen und Filmemachers Sebastião Salgado.

Salgado, 2019 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet, ist mit 77 nochmals fünf Jahre älter als Jean-Michel Jarre. Doch das gemeinsame Werk der beiden älteren Herren sprüht nur so vor Neugierde und Energie. Der Fotograf bereiste sechs Jahre lang das Amazonas-Gebiet, hielt Natur und Menschen auf Bildern fest, ihr Leben und ihre Rituale – immer in Schwarz-Weiß. So hält er es seit Jahrzehnten: „Ich habe immer die Hell-Dunkel-Palette von Schwarz-Weiß-Bildern bevorzugt.“ Auch bei „Amazônia“ soll nicht das typisch satte Grün des Regenwalds den Blick auf die Details der Fotos verstellen.

Für Farbe sorgt Jean-Michel Jarres Soundtrack, der sich ganz den Bildern unterordnet, und der Stimmen, Lieder und Instrumente aus dem Tonarchiv des Ethnographischen Museums in Genf verwendet. „Ich wollte mich dem Amazonas respektvoll, poetisch und impressionistisch nähern“, verrät der Musiker. Er hat sich die Frage gestellt: Wie klingt der Regenwald? Jarres Antwort: Er zirpt, er raunt, er rauscht, er zwitschert, er weht, er tropft, er trieft. Und manchmal schreit er auch – gerade jetzt, wo er von Brasiliens unglückseligem Präsidenten Bolsonaro geschunden wird, degradiert zum Holzlieferanten und zur bloßen landwirtschaftlichen Nutzfläche.

Jarre liefert auf den neun Stücken seiner Amazonas-Reise faszinierende Ambient-Klänge, die sich mischen mit dem typischen Sound seiner oft historischen Instrumente. Klassiker wie „Oxygène“, „Equinoxe“ oder „Les Chants Magnétiques“ klingen vor allem dann durch, wenn die Musik Fahrt aufnimmt, wenn sie rhythmisch klingt, als hätte Jean-Michel Jarre an die Tänze der Einheimischen gedacht – oder an Bolsonaros Baumfäll-Frevel. Wer das Album mit geeigneten Kopfhörern im raumgreifenden 360-Grad-Klang hört, glaubt tatsächlich, er stehe mitten im Urwald. Nun fehlt nur noch die Ausstellung zum Soundtrack: Wegen Corona musste der Start von „Amazônia“ in der Pariser Philharmonie zunächst auf 20. Mai verschoben werden.

Jean-Michel Jarre:

„Amazônia“ (Sony Music).

Ausstellung: Die Schau „Exodus“ von Sebastião

Salgado ist noch bis 30. Juni im Münchner Kunstfoyer (Maximilianstraße 53) zu sehen (tägl. 9.30-18.45 Uhr); Anmeldung online unter www.versicherungs- kammer-kulturstiftung.de/tickets.

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