Der Alchimist

von Redaktion

NEUERSCHEINUNG Heute wird Charles Lewinsky 75 – und beschenkt sich mit einem Buch

VON KATJA KRAFT

Was für eine Frage. „Die Hauptfigur Ihres Romans ist ein Pädophiler – sind Sie das?“ Vielleicht wollte der Moderator bei einer von Charles Lewinskys Lesungen zum Roman „Johannistag“ besonders gewitzt sein und hat sie deshalb gestellt. Vielleicht hat er aber auch tatsächlich nicht verstanden, dass nicht jede literarische Figur das Alter Ego ihres Erfinders ist. Was immer der Herr sich bei dieser plumpen Frage gedacht hat – seither rumort es in Lewinskys Kopf. Der Schweizer Autor fragt sich, wie viel Autobiografisches eigentlich nicht nur in „Johannistag“, sondern in allen seinen Werken steckt. Eine Antwort darauf schenkt er sich nun selbst zu seinem heutigen 75. Geburtstag.

Passenderweise trägt sein neues Buch den Titel „Sind Sie das?“ – und soll keine klassische Autobiografie sein. Kreativ wie er ist, hat sich der Schweizer etwas Pfiffigeres als eine schnöde Nacherzählung seines Lebens ausgedacht. Lewinsky, am 14. April 1946 in Zürich geboren und seit Jahrzehnten erfolgreicher Liedtexter, Roman- und Drehbuchautor, geht auf Spurensuche. Einem Zollbeamten gleich nimmt er sich jeden seiner Romane erneut vor und hinterfragt, was er – bewusst oder unbewusst – einst beim Schreiben an Privatem hineingeschmuggelt hat. Denn: „Warum soll man die kritische Durchsicht seiner Bücher immer den Germanisten und Literaturkritikern überlassen?“ Eben. Wir wollen keine trockene Analyse erleben – als Leserinnen und Leser bekommen wir stattdessen noch einmal die Essenz aller seiner fantastischen Werke mit schriftstellerischer Finesse serviert. Samt persönlicher Anekdoten, die erklären, wie so manche Szene entstanden ist.

Dafür muss man die Romane nicht alle gelesen haben. Doch wird man das, sicher, gleich nachholen wollen. Wie praktisch, dass Diogenes vier Bücher zu Lewinskys Geburtstag neu aufgelegt hat: „Melnitz“, „Gerron“, „Kastelau“ und „Johannistag“. „Sind Sie das?“ ist grandioser Heißmacher. So unterhaltsam kann Eigenwerbung sein.

Eigentlich möchte sich Lewinsky nicht mit Handwerklichem aufhalten. Tut es dann aber glücklicherweise doch an vielen Stellen. Nicht nur für Schreibkollegen ist interessant zu erfahren, wie der Autor, der mit 38 seinen ersten Roman veröffentlichte („Hitler auf dem Rütli“, 1984), bei der Arbeit vorgeht. Nämlich fast ohne jeden Plan. „Ich will Abenteuerurlaub an der Tastatur machen und meine Geschichten entdecken, während ich sie zu Papier bringe.“ Da kann es schon mal sein, dass eine Figur, die er für ein Buch nicht vorgesehen hatte, „plötzlich“ in einer Szene auf dem Sofa sitzt. Wie der Onkel Melnitz. „Ich habe mir seine Rolle nicht ausgedacht, obwohl ich sie mir natürlich ausgedacht habe. (Und wer diesen Satz für absurd hält, hat noch nie ein Buch geschrieben).“

Auch literarische Diebstähle gesteht Lewinsky leichthin – etwa eine bei P. G. Wodehouse geklaute Formulierung. Um das gleich mit einer Lese-Empfehlung aller Wodehouse-Bücher zu verbinden. Die geht in erster Linie an seine Enkel. Ihnen ist diese literarische Selbstbespiegelung gewidmet. Häufig spricht er die drei direkt an: „Macht euch ans Lesen, Mila, Yonathan und Ilay!“ Und wenn man diese so persönlichen Hinweise liest oder originelle Liebeserklärungen an seine Frau („Als überzeugter Nichttänzer verbrachte ich einmal einen Ballabend mit einer jungen Frau an der Bar, und wir beide tanzen jetzt schon mehr als ein halbes Jahrhundert nicht miteinander“), dann erwischt man sich selbst dabei, den Autor hinter den Zeilen erhaschen zu wollen. Dabei, so lehrt uns Lewinsky, ist Autobiografisches für den Lesegenuss gar nicht immer förderlich. Denn: „Dass etwas tatsächlich passiert ist, macht es noch lang nicht schreibens- oder beschreibenswert.“ Die wahre Magie entsteht, wenn sich Wirklichkeit und Fantasie beim Schreiben vermischen. In „Sind Sie das?“ dürfen wir für eine Weile Zeuge dieser Alchimie sein. Zauberhaft!

Charles Lewinsky:

„Sind Sie das?“

Diogenes Verlag, Zürich, 288 Seiten; 24 Euro.

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