Schweißen für Deutschland

von Redaktion

Arbeiten fürs Berliner Einheitsdenkmal kommen voran

VON GERD ROTH

Für das wiedervereinigte Deutschland ist die Halle zu klein. Das Einheitsdenkmal kann Richard Rohlfing selbst in seinen enorm großen Werkstätten nicht zusammenschweißen lassen. Nun wachsen unter den Hallendecken des Stahlbauunternehmers 32 Einzelteile, jedes für sich schon ein Metallkoloss. So entsteht Naht für Naht in Stemwede im ländlichen Grenzbereich zwischen Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen das Freiheits- und Einheitsdenkmal für Berlin.

Die rund 50 Mitarbeiter von Rohlfing sind einiges gewohnt. Zwar spricht der Chef gern mal von „Carports“, die der „reine Dienstleister“ hier sonst produzieren würde. Allerdings hat schon manch großes Projekt von hier aus seinen Weg in die internationale Kunstwelt gemacht. Der begehbare Ring „Your Rainbow Panorama“ etwa, den Olafur Eliasson 2011 auf das Dach des Museums für moderne Kunst in Aarhus setzte, entstand in Stemwede. Auch der riesige Stahlbrocken von Stefan Sous vor dem Bundesnachrichtendienst in Berlin.

Auch viele Brücken werden hier gebaut. Gerade entsteht nebenan eine für Recklinghausen. „Jede ist ein Unikat“, sagt Carsten Balshüsemann. Der Metallbauer gehört zum Team von Rohlfing. Zu seinen Werkstücken zählt neben der Brücke das Freiheits- und Einheitsdenkmal. Der 36-Jährige beschreibt das Außergewöhnliche am Projekt: In Stemwede sei es zunächst die Arbeit am Metall, danach, „mit den Menschen in Berlin“, werde das Besondere der Konstruktion sichtbar. Auf dem Sockel des früheren Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmals vor dem Humboldt Forum soll die Konstruktion, die „Bürger in Bewegung“ genannt wird, in Form einer riesigen begehbaren Wippe an den friedlichen Weg zur Einheit erinnern. Wenn etwa 20 Menschen mehr auf einer Seite der Schale sind, neigt sich diese Hälfte. Nach den Vorstellungen des Stuttgarter Architektenbüros Milla & Partner öffnen sich durch sanfte Bewegung neue Perspektiven, wenn die Besucher sich verständigen und gemeinsam handeln – wie 1989.

Jahrelang gab es Probleme. Erste Ideen kamen 1998 auf, 2007 beschloss der Bundestag das Denkmal. Ein Wettbewerb scheiterte. Nach der zweiten Ausschreibung wurde vor zehn Jahren das Milla-Konzept gekürt. Es folgten Meinungsverschiedenheiten im Siegerteam, Bedenken von Denkmal- und Tierschützern, Streit um den Standort, gesperrte Finanzen, Plagiatsvorwürfe. Schließlich genehmigte der Bundestag 17 Millionen Euro mit Festpreis für das, was Kritiker als „Einheitswippe“ bezeichnen.

Eigentlich wollte Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) das Denkmal zum 30. Jahrestag des Mauerfalls, also 2019 fertig haben. Auch 2020, zum 30. Geburtstag der Wiedervereinigung, klappte es nicht. Nun soll es 2022 so weit sein. Im Frühjahr wird mit der Eröffnung gerechnet. Die Berliner Baustelle ist allerdings immer für eine Verzögerung gut. Erst musste das Humboldt Forum nebenan wachsen, unter der Erde hatte eine neue U-Bahn-Station Vorrang. Am Sockel für das Denkmal wurden überraschend Mosaike aus der Kaiserzeit geborgen, darunter im Gewölbe mussten seltene Wasserfledermäuse umgesiedelt werden.

Sorgen bereitet den Beteiligten der geplante Aufzugturm einer Freitreppe zum Spreekanal direkt neben dem Denkmal. Die Treppe hat Dimensionen angenommen, die den Weg entlang des Ufers zum Denkmal eher blockiert als bereichert. Das muss nun zwischen Bund, Berlin und Denkmalbauern geklärt werden. Viel Zeit bleibt nicht. Die Stahlbauer aus Stemwede wollen die Denkmalkonstruktion in Berlin demnächst auf den Sockel heben.

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