Mit Leoni hat alles begonnen: die Liebe zum Ausflugsziel Starnberger See (damals Würmsee), der Bau der Villen für die Sommerfrische, der Tourismus. Leoni hieß noch gar nicht so, war eigentlich nur Assenbuch mit drei Fischerhäusern – die aber bezaubernd am Seegestade lagen. Dieses Ambiente mit Alpenblick entdeckten natürlich zuerst die Maler. Einige von ihnen wollten im frühen 19. Jahrhundert nicht mehr nur im Atelier werkeln, sondern hinaus in die Natur und die Wirklichkeit aufsaugen.
Katja Sebald, Kunsthistorikerin und Journalistin, erzählt in ihrem Buch „Sehnsucht Starnberger See – Villen und ihre berühmten Bewohner im Porträt“ quasi nebenher große und kleine Geschichte: private, politische und gesellschaftliche. Sicher wussten der sizilianische Sänger Giuseppe Leoni und seine Frau Teresa Coppola, Opernsängerin und tolle Köchin, nicht, was aus ihrer Idee werden würde. Von Touristenfluten ahnten sie nichts, als sie 1825 in „Leonihausen“ ein Hotelrestaurant eröffneten. Eigentlich hatte hier ein königlicher Staatsrat bauen wollen, daraus wurde nichts; dafür waren die Leonis umso erfolgreicher. Und zwar bei Künstlern, Gelehrten, Bürgern; der Adel wurde nach und nach unwichtiger.
Er war mit Schlössern am See schon lange präsent. Die Zeit der Villen gehörte aber den Bürgerlichen, die vielleicht geadelt wurden, weil sie etwas als Künstler, Unternehmer oder als Wissenschaftler geleistet hatten. Obwohl Sebald einen gemütlichen Spaziergang um den See von Starnberg über Seeshaupt bis Berg macht und dabei locker und entspannt berichtet, packt sie doch viele und vielfältige Informationen in die Texte zu den einzelnen Häusern. Da geht es nicht nur um Satteldächer und Lisenen, um Klassizismus und Neogotik, um die Bauherrin und den Architekten. Die Autorin zieht meist die Linie bis ins Heute, etwa dass die Villa des Malers Gabriel von Max (Münsing) dem Verfall preisgegeben ist. Oder dass das Leoni-Haus seit den 1970ern nicht mehr existiert. Nur ein Salettl konnte der Musikkabarettist Josef Brustmann in seinen Ickinger Garten retten.
Beeindruckend ist die Berühmtheiten-Dichte am See und in den Villen: Brahms und Wagner, Lenbach, Moritz von Schwind und Thomas Mann, die von Millers (Erzgießerei, Ingenieur) und die Himbsels (Eisenbahnbau, Dampfschiff), Hans Albers, Franziska Sperr, Heiner Lauterbach… Da gibt es viele Anekdoten, Erinnerungen derer, die noch in den Villen leben, kuriose Umnutzungen, zum Beispiel vom Traum- in ein Krankenhaus, oder hübschen Klatsch und Tratsch von Liebschaften, unstandesgemäßen Heiraten und ausgeflippten Amerikanerinnen.
Am bewegendsten sind die Geschichten aus den Dreißigerjahren. Denn auch die Nazi-Bonzen drängten an den See und raubten, wo es nur möglich war. Jüdische Bürger wurden systematisch gequält. Die Schriftstellerin Emma Bonn (Feldafing) etwa, die schwer krank war, wurde von dem Münchner Nazi Christian Weber betrogen und ins KZ geschickt. War für Emma Bonn die Villa von einer Zuflucht zur tödlichen Falle geworden, konnte die Familie von Hofacker nach dem Krieg im Buchenhaus (Tutzing) eine Zuflucht finden. Widerstandskämpfer Cäsar von Hofacker war von der NS-Justiz ermordet worden. Frau und Kinder waren lange von Sippenhaftung bedroht – der sie zum Glück entkamen.
Katja Sebald:
„Sehnsucht Starnberger See“. Allitera Verlag, München, 196 Seiten; 29,90 Euro.