Alle Möglichkeiten ausschöpfen

von Redaktion

Choreograf Kaydanovskiy und Komponist Dangel über ihren „Schneesturm“

VON MALVE GRADINGER

Die Pandemie mal für einen Abend total vergessen lassen – das wünscht man sich von der morgigen Uraufführung „Der Schneesturm“ auf staatsoper.tv. Andrey Kaydanovskiy, Staatsballett-Hauschoreograf seit Herbst 2020, und Komponist Lorenz Dangel haben die titelgebende Puschkin-Novelle von 1831 in ihre Formwelten übersetzt. Das Ensemble, Corona-bedingt kaum auf der Bühne, probte dafür sogar gerne mit Mund-Nasenschutz, wie die Arbeitsvideos auf der Staatsballett-Webseite bezeugen.

Der erste Kontakt zwischen Choreograf und Komponist ergab sich beim Schweizer Origen Festival Cultural. „Ich war dort mehrere Jahre als Composer in Residence verpflichtet, Kaydanovskiy hatte dort ein Tänzer-Engagement“, erzählt Lorenz Dangel. „Wiedergetroffen haben wir uns anlässlich einer Premiere im  Londoner Coliseum. Es gab eine Choreografie von Andrey, und von mir war die Ballettmusik ‚Sartori‘ im Programm. Ab da machten wir konkretere Pläne.“

Diese haben sich nun realisiert, wobei die künstlerischen Profile ja auch bestens harmonieren. Der mehrfach ausgezeichnete Würzburger komponiert klassische Konzertmusik, Musiktheater und Filmmusik. Der gebürtige Moskauer choreografiert schon ab 2009, also schon während seiner Tänzerkarriere im Ballett der Wiener Staatsoper: und zwar in einer Bandbreite zwischen Strawinskys „Feuervogel“ und dem Andersen-Märchen „Das hässliche Entlein“ bis zu Arbeiten für das Hamburger Bundesjugendballett und den extravaganten Star Sergei Polunin. Dabei findet er seinen ganz persönlichen Stil, den man als filmisch bezeichnen könnte.

Sein 2019 für München entworfenes „Cecil Hotel“ wirkte auf uns wie ein getanzter Stummfilm-Krimi. Könnte die Laufbahn seines Vaters als Filmschauspieler und -regisseur einen gewissen Einfluss auf ihn gehabt haben? „Ich war erst neun, als mein Vater starb. Daher waren Gespräche über seine Arbeit noch kein Thema“, so Kaydanovskiy. „Aber ich versuche, beim Choreografieren tatsächlich auch schauspielerisch zu arbeiten, indem ich mich in die jeweilige Rolle hineinversetze und durch die Emotionen dann die Bewegung entwickele.“

Seine Arbeitsweise und seine Stücke weisen ihn als einen erzählenden Choreografen aus. Vielleicht haben ihn da doch Kindheitserlebnisse geprägt. „Meine Mutter war Tänzerin, und ich bin hinter den Kulissen des Bolschoi Theaters mit abendfüllenden Handlungsballetten groß geworden“, erfährt man von ihm. „Ja, ich erzähle gerne Geschichten, aber unmittelbar mit dem Körper. Im Gegensatz zum Sprechtheater, das mich auch fasziniert, liefert die tänzerische Bewegung eine zusätzliche Dynamik. Und Tanz spricht eine dichte, ehrliche Sprache, kommuniziert auf einer emotionalen Ebene mit dem Zuschauer.“

Für eine solche Sicht des Tanzes ist die Puschkin-Novelle eine ideale Vorlage: Gegen den elterlichen Willen verabreden sich die jungen Liebenden Marja und der Fähnrich Vladimir zur Trauung. Durch einen Schneesturm verspätet sich der Bräutigam. Ein anderer Mann, verzaubert von Marjas Schönheit, springt ein – was die erschöpfte Braut in der dunklen Kirche erst nach dem Eheversprechen bemerkt. Marja erkrankt schwer. Vladimir stirbt in der Armee. Vier Jahre später treffen sich die beiden irrtümlich Getrauten wieder, ohne sich zunächst zu erkennen. Eine gefühlvolle und zugleich verrätselte Story.

Für Kaydanovskiy jedoch ist die Intention klar: „Puschkin äußert hier Kritik an der Planbarkeit des Lebens. Der Schneesturm ist ein Symbol für den Weg des Lebens, das sich eben nicht immer an unsere Pläne hält.“ Auch Lorenz Dangel war beim Lesen des Puschkin-Textes etwas irritiert, allerdings im Hinblick auf die Erzählstruktur: „Ich konnte mir nicht vorstellen, wie man die Zeit- und Ortsprünge sinnvoll in ein Stück bekommt. Aber als Andrey mir seinen ersten Entwurf für die Szenenauswahl erläuterte, lösten sich diese Bedenken in Luft auf.“ Das liege auch daran, dass Kaydanovskiy mit unglaublichem Geschick die Essenz der Momente einfangen könne.

Wenn also die Zusammenarbeit so gut funktioniert, wie gestaltet sich dann die Partitur? „Wir scheuen uns nicht, die gesamte Palette an erzählerischen Möglichkeiten auszuschöpfen“, ist Dangels prompte Reaktion. „Es gibt augenzwinkernd hochromantische Stellen, dann auch äußerst rhythmische Passagen, die sich zeitgenössischer Spieltechniken bedienen. Und es gibt Humor, auf der Bühne und in der Musik.“ Dieser „Strauß an Stilen“ sei beabsichtigt, weil er die Möglichkeit biete, einzelne Handlungsstränge oder Figuren durch eine je spezifische Stilistik zu definieren. „Es gibt zum Beispiel den Strang der Familie, für den ich eine Barockmusik verwende, die ich nach und nach ‚zerfallen‘ lasse, sozusagen torpediere, um sie instabil zu machen.“

Solche Erklärungen erzeugen Neugier, bereiten vor, genau hinzusehen und eben konzentriert hinzuhören. An den Filmkomponisten Dangel noch die Frage: Was ist das Spezielle an Filmmusik? „Sie kann so viele Gestalten haben, ganz im Vordergrund sein und führen. Sie kann aber auch abseits des Bewusstseins des Zuschauers in fast alchimistischer Weise auf ihn einwirken. Und dieser ‚Alchimiekasten‘ ist unerschöpflich“, sagt Dangel – und wir sind gespannt.

Die Uraufführung

am 17. April, 19.30 Uhr, als Livestream auf staatoper.tv; im Anschluss als Video on Demand; Termine werden noch bekannt gegeben. Am 25. April, 11 Uhr, läuft ein Dokumentarfilm zum 30-jährigen Bestehen des Staatsballetts.

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