„Lebende Bilder“ – die hat man im 19. Jahrhundert als nette Abendunterhaltung gestellt. Totja und Moissej können nur noch sterbende Bilder vergegenwärtigen. Die echten wurden bei der deutschen Blockade Leningrads (1941-1944) aus der Eremitage evakuiert, das Paar aber verhungert dort langsam, wie die anderen Stadtbewohner auch. Polina Barskova (Jahrgang 1976), Lyrikerin, Altphilologin und Slawistin, sammelt in dem Buch erzählerisch, in Versen und Dialogen Erinnerungsfetzen: dokumentarisch wahre, fiktional wahrhaftige. Selbst Heiteres kann sie raffiniert wieder in „der endlosen Nacht der Blockade“ enden lassen. Sie schildert packend schonungslos Städtecharaktere wie Los Angeles oder Leningrad, die zu Wesenszügen der Menschen werden und umgekehrt. Ein herausragendes Werk, das ein mutiges Publikum braucht – was Inhalt und experimentierfreudigen Stil angeht. sida