Er war der erste Dichter, der bei der Amtseinführung eines US-Präsidenten sprach – doch an jenem 20. Januar 1961 übernahm nicht nur John F. Kennedy die Geschäfte im Weißen Haus, sondern auch das Wetter die Regie bei Robert Frosts Vortrag. Der demokratische Politiker hatte sich das Gedicht „The Gift outright“ des mehrfachen Pulitzer-Preisträgers gewünscht; 1942 war es erstmals publiziert worden. Frost (1874-1963) wollte jenen Zeilen seine für die Zeremonie geschriebene „Dedication“ voranstellen, hatte den Plan jedoch ohne die Witterung gemacht: Neuschnee reflektierte an diesem Tag die Sonne, dazu kam ein starker Wind, der in die Manuskriptseiten fuhr. Auch hatte der Autor seine Verse nur mit einem blassen Stift notiert. Kurzum: Er konnte sie nicht lesen und entschied sich spontan, ausschließlich „The Gift outright“ vorzutragen – auswendig.
Nach Frost (Foto: Getty) traten bislang drei Dichterinnen und zwei Dichter bei der Amtseinführung eines neuen Präsidenten vor dem Kapitol in Washington D.C. auf. Und es waren stets Politiker der Demokratischen Partei, die sich einen „Inaugural Poet“ wünschten. Allerdings vergingen seit der Premiere bei Kennedy 33 Jahre, bis erneut ein Gedicht zu hören war: Am 20. Januar 1993, als Bill Clinton vereidigt wurde, trat Maya Angelou (1928-2014) ans Rednerpult. Die afroamerikanische Autorin, Professorin, Menschenrechtlerin war eine starke Stimme der Bürgerrechtsbewegung.
Ihr Gedicht „On the Pulse of Morning“ drehte sich um den Wandel, um die Verantwortung und um die Rolle des Präsidenten sowie der Bevölkerung für ein Dasein in (ökonomischer) Sicherheit. Die Literaturkritik fand wenig Gefallen daran – gleichwohl gab es Lob für die Art des Vortrags der ausgebildeten Tänzerin und Sängerin (Foto: Getty). Vier Jahre später, zu Beginn von Clintons zweiter Amtszeit, sprach der nur Eingeweihten bekannte Dichter Miller Williams (1930-2015). In seinem Poem „Of History and Hope“ setzte er den Fokus auf die nachfolgende Generation („The children. The children“), der man das Land eines Tages überlassen werde.
Barack Obama lud 2009 Elizabeth Alexander ein, bei seiner ersten Amtsübernahme vorzutragen. In ihrem „Praise Song for the Day“ schilderte die 1962 Geborene den Alltag der US-Amerikaner; das „Loblied“ galt vielen Kritikern jedoch als zu prosaisch. Vor Obamas zweiter Amtszeit sprach mit Richard Blanco, Jahrgang 1968, erstmals ein Lyriker mit spanischen Wurzeln und ein Autor, der offen homosexuell lebt. In „One Today“ erzählte Blanco (Foto: Picture Alliance) in schwebender, klarer Sprache von einem Tag, wie ihn viele Menschen erleben.