Worte, die die Welt verändern

von Redaktion

Amanda Gormans gefeiertes Gedicht ist bereits ein Bestseller

VON KATJA KRAFT

Man muss sich das mal vorstellen: Ein dünnes schwarzes Mädchen („skinny black Girl“) gibt einem alten weißen Mann für sein Amt als US-Präsident konkrete Handlungsanweisungen mit auf den Weg. Er solle seine Macht mit Barmherzigkeit und Rechtschaffenheit verbinden. Jede Trägheit in dieser Angelegenheit werde bestraft. Die Zukunft aller liege in seiner Verantwortung. Amanda Gorman, diese souveräne junge Frau, hat mit ihren selbstbewusst vorgetragenen Worten am 20. Januar 2021 bei der Amtseinführung Joe Bidens Geschichte geschrieben. Denn das Außergewöhnliche an der Situation war ja nicht nur ihre starke Ansprache. Leider immer noch hervorhebenswert ist: Der mächtige Mann hörte zu. Und mit ihm die ganze Welt.

Dass afroamerikanische Menschen die nach wie vor in der Mehrheit an den Apparaten der Macht sitzenden weißen beraten, was zu tun ist, ist – zwei Präsidentschaften Barack Obamas hin oder her – auch im Jahr 2021 eine Besonderheit. Der mediale Wirbel, den die 21-jährige Poetin mit ihrem Auftritt auslöste, belegt das eindrucksvoll. Wer bei der Inauguration eines US-Präsidenten spricht, wird nicht mit Geld belohnt. Für Gorman und ihre Vorgänger (s. Artikel unten) ist es eine Ehre und die Möglichkeit, weltweit Beachtung zu finden. So laut wie bei ihr war das Echo aber noch nie.

Verlage aus aller Damen und Herren Länder wollten das Gedicht der jungen Frau drucken. In Deutschland setzte sich Hoffmann und Campe durch. Mit Uda Strätling, Hadija Haruna-Oelker und Kübra Gümüsay engagierte das Verlagshaus gleich drei Übersetzerinnen. Wer das für übertrieben hält, ignoriert, wie Worte wirken können. Mit Bedacht hat Gorman jede Strophe gestaltet. Sie sind durchzogen von Anspielungen auf prägende Reden wie Martin Luther Kings „I have a Dream“ oder Maya Angelous, deren Schmuck Gorman am Tag des Vortrags trug.

Jemand, der all dies in eine andere Sprache übertragen möchte, muss um den soziokulturellen Entstehungshintergrund wissen. Muss firm sein, wenn es gilt, Zitate zu erkennen – und wortgewandt, sie aus dem Englischen etwa ins Deutsche herüberzuretten. In den Niederlanden hatte man für diese Aufgabe zunächst die weiße Übersetzerin Marieke Lucas Rijneveld gewählt. Nach Protesten der schwarzen Journalistin Janice Deul entschied sich Rijneveld, den Auftrag zurückzugeben.

Das deutsche Übersetzer-Trio hat sich zwar bemüht, einen Text zu gestalten, der selbst kunstvoll wirkt und keine Wort-für-Wort-Übersetzung ist. Doch erst wenn man die Verse im Original liest, die ebenfalls abgedruckt sind, wird deutlich, wie brillant Gorman mit der englischen Sprache spielt. Etwa in jenen Zeilen: „We will not march back to what was/ But move to what shall be“ heißt es da. Das Trio übersetzt: „Unser Weg führt uns nicht zurück zu dem, was war/ sondern voraus zu dem, was werden soll“. Das ist korrekt – doch geht ein wesentlicher Aspekt verloren. Die Dualität vom martialischen „march“ (marschieren) und dem friedvollen „move“ (bewegen). Hier wird Amanda Gormans Ansinnen deutlich: Aus Feindschaft soll eine Friedensbewegung werden. Das Land, das durch Ex-Präsident Trump gespalten ist wie zu Zeiten des Bürgerkriegs, soll zu Einigkeit finden. Zum Licht. „If only we’re brave enough to see it/ If only we’re brave enough to be it.“

Amanda Gorman:

„The Hill we climb“. Aus dem Englischen übersetzt von Uda Strätling, Hadija Haruna-Oelker und Kübra Gümüsay. Hoffmann und Campe, Hamburg, 64 S.; 10 Euro. Am 22. September erscheinen zwei weitere Titel von Gorman bei Hoffmann und Campe.

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