Beide Seiten waren gefordert

von Redaktion

Christian Thielemanns Debüt beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks

VON MARKUS THIEL

In normalen Zeiten hätte er eine seiner großen Visitenkarten überreicht. Schwerlastiges aus der Deutschromantik, und so war es ja auch mit Bruckners Fünfter geplant. Doch die Verhältnisse sind gerade anders und zwangen Christian Thielemann für sein Debüt beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks in Randzonen des Repertoires. Eine Expedition, so registrierte man beim Internet-Konzert aus dem Gasteig, die sich lohnt – beide Seiten waren abseits der Routine gefordert.

Zum Zentralstück wurde die erste Bläser-Sonatine von Richard Strauss. Ein Vorführwerk für Individualisten, die gemeinsame Sache machen (müssen). Thielemann, sonst Geschmäcklerischem und Lustgenuss nicht abgeneigt, zog das in zügigen Tempi durch. Die Romanze verströmte sich nicht in Melancholie. Deutlich wurde vielmehr in den knapp 40 Minuten, mit vielen kleinen Hervorhebungen, mit Solo-Angeboten, die der Dirigent lächelnd aufnahm, wie hier ein alter Meister seinen fünften Frühling komponiert. Ein blitzendes, filigranes Gespinst und damit größtmöglicher Gegensatz zur eröffnenden Blechbläserfanfare „Wiener Philharmoniker“.

Vor allem bei Letzterem hätte man gerne gewusst, wie sich der Pomp im Saal ausbreitet – Stream-Notlösungen können da nur scheitern. Sehr deutlich wurde dagegen, wie Thielemann Schumanns Ouvertüre, Scherzo und Finale versteht. Nämlich aus einem kammermusikalischen Gestus heraus, und der bedeutet nicht nur klangliche Finesse, sondern extreme Flexibilität. Hier mal ein herausgestrecktes Detail, dort eine Temporückung: Gewissheiten, ein Einrasten des musikalischen Geschehens, sodass man danach locker durchs Werk surfen kann, das gab es mit dem Neuen am Pult nicht. Für das Ensemble hieß es deshalb Nerven bewahren – und es klappte. In Freitagabendlaune wurde da ein viel zu selten aufgeführtes Opus musiziert. Doch Corona-Expedition hin oder her: Strauss’ „Heldenleben“ oder ein Bruckner-Schinken, dafür müsste Thielemann dringend zum BR zurückkehren.

Aufzeichnung

unter www.br-so.de.

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