Glückwunsch!

von Redaktion

PREMIERENKRITIK  Andrey Kaydanovskiys „Schneesturm“ wurde vom Bayerischen Staatsballett uraufgeführt

VON MALVE GRADINGER

Eine Aufhellung in düsterer Corona-Stimmung: Staatsballett-Hauschoreograf Andrey Kaydanovskiy und Komponist Lorenz Dangel ließen Alexander Puschkins Novelle „Der „Schneesturm“ (1831) soeben auf der Nationaltheater-Bühne neu in Tanz und Musik aufleuchten. Christoph Engels einfühlsame Livestream-Regie zog einen unmittelbar hinein in diese surreal vertrackte Liebesgeschichte. Durch einen Schneesturm verpasst Vladimir die heimliche Trauung mit Marja Gawrilowna. Ein anderer wird für den Bräutigam gehalten, die Ehe also geschlossen. Was für eine Story – aber bestens geeignet für Andrey Kaydanovskiys lustvolles Spiel mit Zuschauer-Erwartungen. Vorrangig liegt ihm jedoch die präzise Schilderung der Geschichte am Herzen.

Das Gut von Marjas Eltern hat Karoline Hogl mit perspektivisch nach hinten gestaffelten Hausumrissen angedeutet. Im vorderen Bühnenzentrum posiert wie zu einer Fotositzung die wohlhabende Familie plus Personal: standesgemäß gesetzt steif, aber mehrmals aus der anstrengenden Pose kippend. Und Tochter Marja hält nur mit Mühe die riesige Schneekugel – ihr Schicksalssymbol. Mit diesem im Stück wiederholten Familien-Motiv fängt der Choreograf pointiert Puschkins mokanten Erzählton ein.

Komponist Dangel unterlegt hier hintergründig gemessene Barockmusik und fächert in der Folge ein ganzes Zeitpanorama auf: eine Erinnerung an Strawinsky, ein Tupfer russische Akkordeon-Wehmut, kakofonisch kollidierende modernistische Klänge, filmische Naturgeräusche oder groß Sinfonisches. Das Staatsorchester unter Gavin Sutherland geht jeweils engagiert mit. Musik muss hier ja über Stimmung und Taktgebung hinaus miterzählen: einmal die jugendlich schwärmerische Liebe zwischen Marja und dem mittellosen Vladimir, der enttäuscht zur Armee zurückkehrt und bald fällt; zum anderen Marjas zweite Liebe vier Jahre später zu Oberst Burmin, von dem sich schließlich herausstellt, dass er es war, dem sie irrtümlich angetraut wurde.

Ganz gleich wie romanesk dieser Zufall bei Puschkin erscheint, er funktioniert literarisch wie auch in dieser Vertanzung. Die Pas de deux von Ksenia Ryzhkovas Marja mit den beiden Männern sind die Kernszenen. Kaydanovskiy entfaltet hier eine auf akrobatische Höchstleistung entwickelte Neoklassik: eher spielerisch angelegt in der ersten Beziehung mit Jonah Cook als Vladimir in Teil I; ernsthafter, eine reife Zuneigung ausdrückend mit Jinhao Zhang als Burmin in Teil II. Beide Paarbegegnungen werden irrsinnig schnell getanzt, was nur erreicht werden kann durch eine Balance zwischen absoluter Beherrschung der Bewegung bei gleichzeitiger Entspanntheit. Die drei Protagonisten scheinen für diesen Stil geboren.

Kaydanovskiy hat, wenn auch dezent, in den beiden Akten auf eine choreografische Unterscheidung geachtet, unterstützt von Christian Kass’ Lichtdesign bis hin in schwärzeste Schneesturm-Nacht; unterstützt auch von Mode- und Kostüm-Künstler Arthur Arbesser: Ende 1811, also noch vor Napoleons Russland-Feldzug 1812, feiert sich eine begüterte Gesellschaft beim Ball in farbigen Tüll-flatternden Roben und gemäß traditionellen Benimmregeln in Gestik und Tanzart spröde bis kantig-aggressiv. Nach dem 1814 gewonnenen Krieg treffen sich die Mädchen und heimgekehrten Soldaten, alle unkonventionell in bunt gemusterten Kaufhaus-Outfits. Ihre (Tanz-)Bewegung hat sich unmittelbar körperlich von gesellschaftlicher Etikette befreit.

Standesunterschiede, die Marja und dem Fähnrich noch zum Verhängnis wurden, gelten nicht mehr. Die vom Krieg verursachten Narben stellt Kaydanovskiy stärker heraus als die literarische Vorlage. Mit der erlösten Jugend feiern auch die Kriegsversehrten, auf Krücken und im Rollstuhl. Erwähnenswert Burmins menschliches Eingehen auf seinen durch den Krieg psychisch angeschlagenen Kumpel Belkin. Jinhao Zhang und Osiel Gouneo bleiben mit ihrem „Heilungs-Duett“ in Erinnerung. Glückwunsch zu dieser Uraufführung unter so harten Corona-Bedingungen.

Stream:

Die Aufführung ist ab 23. April bis zum 23. Mai als Video on Demand für 9,90 Euro/24-Stunden-Ticket zu sehen.

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